Schulprobleme w i r k - l i c h lösen

 

Ulrich Lange (Internatsberatung der AVIB gemn.e.V.)

Schulprobleme wirklich lösen!

Warum auch Internate bei Lernschwierigkeiten nur mit Wasser kochen

 
Schulprobleme – Probleme der Schule oder der Erziehung?
 
Kritik an überfüllten Klassen, Unterrichtsausfall und ausgebrannten Lehrern der öffentlichen Schulen sowie geringe Lernmotivation und schlechte Noten der Kinder sind die mit Abstand am häufigsten vorgetragenen Gründe für den elterlichen Entschluss, den Nachwuchs einem Internat anzuvertrauen. Zumeist wird zwischen den Zuständen an staatlichen Lehranstalten und den Lernschwierigkeiten von Sohn oder Tochter ein direkter Zusammenhang hergestellt: Wären die Lerngruppen nur kleiner und die Pädagogen engagierter, so redet man es sich zumindest ein, hätten die Kinder auch mehr Erfolg beim Lernen. Eine scheinbare Bestätigung erhielten solche Rechtfertigungen durch die PISA Debatte, oder besser deren Fehlinterpretation und das auf laienhaften Missdeutungen beruhende Bashing öffentlicher Schulen, die angeblich im Vergleich mit Privatinstituten deutlich schlechter abgeschnitten hätten. Eine Fehlinformation, die von der Wohnschulbranche wider besseres Wissen sogleich zum Hauptargument eines groß angelegten PR-Feldzugs erkoren: Die Ergebnisse der PISA-Studie [vgl. auch PISA-Lüge und PISA-Legende!], so kann man es bis heute in der einschlägigen PR-Publizistik lesen, trieben verstärkt nun auch die bildungsbewusste Mittelschicht in die Bezahlschulen der obersten Preiskategorien, wobei oft Oma noch etwas von der schmalen Rente beisteuere, um dem Enkel das "Sprungbrett in die Elite" zu erkaufen. [Um diese gezielte Kampagne richtig einzuschätzen, sei interessierten Lesern die ausgezeichnete Vorlesung von Prof. Dr. Jürgen Oelkers: „Pädagogik der Gegenwart“ (WS 2002/2003) empfohlen!]
 
Sicherlich bietet das unter haushaltspolitischen Sparzwängen jahrzehntelang vernachlässigte öffentliche Bildungswesen manchen Anlass zur Unzufriedenheit! Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass die Kritik internatsgläubiger Eltern am Zustand der staatlichen Lehranstalten überwiegend vorgeschoben ist. Wenn man der „Staatsschule“ die Schuld zuschieben kann, müssen familiäre und erzieherische Probleme nicht zur Sprache gebracht werden.
 
„Ich bin in all den Jahren als Minister“, schreibt Peer Steinbrück in seinem Buch <Unterm Strich>, „manchmal Maklern, Invest-mentbankern, Beratern und Jungunternehmern begegnet, die von einer erschreckenden Dünkelhaftigkeit, Selbstbezogenheit und Herablassung gegenüber dem gemeinen Volk waren. [...] Sie nutzen ausländische Steuerstandorte und filigran ausbaldowerte Steuersparmodelle, um dem deutschen Fiskus nur ja keinen Cent zuviel zu überlassen. Sie verachten die Politik und wählen, wenn überhaupt, diejenige Partei, die sie am wenigsten in ihren Kreisen stört. Nicht selten tauchen in ihrem Schlepptau schwer erzieh- bare, weil völlig verwöhnte Kinder auf, die dann auf Internate mit der Begründung geschickt werden, dass die öffentlichen Schulen in Deutschland zu schlecht seien."
 
Diese Einschätzung teilten lange Zeit selbst die Vertreter der laut Eigenwerbung „führenden Internate“ Deutschlands, zu denen sich Einrichtungen wie Salem, Louisenlund, Birklehof u.a.m. zählen und die die veröffentlichte Meinung aufgrund ihrer hohen Schulgebühren gern mit dem Etikett „Eliteinternate" versieht. So bezeichnet der damalige Pressesprecher der Schule Schloss Salem, Dr. Hartmut Ferenschild, in einem Beitrag der  „Welt am Sonntag“ vom 27./28.05.2000 [S. B 19] die „Erosion der Erzie-hungsinstitution Familie“ noch als Hauptnachfragemotiv der Eltern, während Hinweise auf die öffentliche Schulmisere dagegen eher als Tarnmotive anzusehen seien (ebd.). Was ihn allerdings nicht hinderte, später das Gegenteil zu behaupten und das Märchen von einen "Imagewandel der Internate" zu verbreiten, das zu einer medialen Lügenkampagne anschwoll, die erst durch die Enthüllung der Missbrauchsskandale in zahlreichen Nobelinstituten ein jähes Ende fand .
 
Weitere Belege findet man sogar in denjenigen Internaten, die sich ausdrücklich der Förderung von Spitzentalenten und Hochbegabten verschrieben haben.
"Hinz und Kunz verderben Niveau der Sport-Eliteschulen" titelt wiederum die "Welt am Sonntag" vom 14.01.2002 [S. 18] und beklagt "ein geradezu leistungshemmendes Klima", das die hohe Zahl sportunlustiger Zöglinge verbreite, die sich aus dem sportbetonten Unterricht so bald wie möglich abmeldeten und ihre Freizeit anschließend lieber mit Herumlungern im Einkaufszentrum oder Computerspielen verbrächten. Ein Problem, das manche "Eliteschulen des Sports" bis heute nicht gelöst zu haben scheinen.
 
Ähnlich die Erfahrungen der Schülerin Mirka U. in der Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter, die eine „integrierte Hochbegabtenförderung“ anbietet. Keineswegs, so berichtet die Hochbegabte in einem Brief an die Internatsberatungsstelle der AVIB, führe die Förderung Hochbegabter zu Hochleistungen. Die Bemühungen scheiterten z.T. an der „Null-Bock-Haltung“ der Mitschüler(innen) [Korrespondenzarchiv der AVIB gemn.e.V.].
 
Die „taz“ vom 14.09.2011 sieht aus diesem Grunde auch die Sächsische Landesschule für mehrfach Hochbegabte St. Afra in Meißen – kaum 10 Jahre nach ihrer Eröffnung – in einer „schweren Krise“ (Link: http://www.taz.de/!78095/). Zitat:
 
>> Die Schüler wissen, dass sie an einem exorbitanten Anspruch gemessen werden, wollen aber eigentlich ganz normale Menschen sein. Die strengen Internatsregeln mit Alkohol-, Rauch- oder Handyverbot aber fordern Überdurchschnittliches und Unterordnung unter die Gemeinschaft. "Für uns Jugendliche ist klar, dass wir uns nicht an die Regeln halten, auch wenn wir sie im Grunde wollen und aufstellen. Wir leben halt chaotisch, wild und frei", erklärt Lara. Die Übertretung der Regel darf aber selbst nicht wieder zur Regel werden, heißt es sinngemäß in einem bemerkenswerten Kursartikel des Abibuches. Schon 2008 wurde laut Protokoll im Elternrat diskutiert, "ob diese Regeln so noch zeitgemäß sind".
 
Von "normalen" Problemen anderer Internate oder Schulen ist auch das Vorzeigegymnasium nicht frei. Es sind immer Einzelfälle, aber Schüler berichten von Drogen, Alkohol, Diebstahl, Mobbing, autistischen Kindern und vom Ritzen der eigenen Haut unter psychischem Druck. Im Mai drohte ein fast Achtzehnjähriger im Internet mit einem Amoklauf, scherzhaft zwar, aber von der Schulleitung sehr ernst genommen.
 
[...] Die Zahl der Bewerber schwankte stets, lag 2002 allerdings schon einmal bei zweieinhalb Anwärtern pro Platz. Seit 2009 sinkt sie stetig und liegt in diesem Jahr noch bei 77 für die knapp 50 Plätze pro Jahrgang. Seit 2008 ist auch der Abitur-durchschnitt leicht von 1,6 auf 1,8 gesunken. Schwerer wiegt der angeschlagene Ruf. "In Sachsen laufen die Spezialgymnasien mit vertiefter Ausbildung St. Afra inzwischen den Rang ab", stellt Frank Haubitz als Vorsitzender des Philologen-verbandes fest. Sächsische Gymnasiasten zeigen offenbar immer weniger Interesse. Bundeswettbewerbe gewinnen können andere auch. Zum erhofften methodischen und konzeptionellen Austausch mit den Regel-Gymnasien ist es nicht gekommen.
 
[...] Ob die aufgenommenen Kinder wirklich immer Mehrfach-Hochbegabte sind, bezweifeln inzwischen auch Mitschüler. Es fällt auf, dass unter ihnen zunehmend Kinder von Ministerialbeamten sind - etwa der Sohn des Regierungssprechers. Aber auch solche Schüler sind neuerdings nicht vor dem Sitzenbleiben gefeit.
Dietz und Ventzke stellen inzwischen sogar den konzeptionellen Mix der Gründungsväter von St. Afra in Frage. "Ein bisschen Elitedenken, eine kleine Portion Salem, ein wenig Reformanstalt, eine Prise Spezialschule und nicht zuletzt das weitverbreitete Ressentiment gegen die ,normale' staatliche Schule", schreiben sie. "Was will diese Schule für Sachsen leisten?", hinterfragt auch die ehemalige sächsische Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) das Konzept. Einen Gewinn für den Freistaat kann sie an dem "Relikt aus alter Zeit" nicht erkennen.
 
Zumindest in einem Teil der medialen Berichterstattung spiegelt sich mittlerweile die Einsicht wieder, dass schlechter Unterricht, Disziplinprobleme und pädagogische Resignation der Lehrer, nicht in erster Linie das Ergebnis verfehlter staatlicher Schulpolitik sind, sondern Folge häuslicher Erziehungsdefizite und daraus resultierender Lern- und Verhaltensstörungen der Schülerinnen und Schüler, unter denen alle gleichermaßen zu leiden haben: öffentliche wie private Bildungsstätten, Tages- und Ganztagsschulen wie auch Internatsschulen und Schülerheime.
 
Der Berliner Schulleiter Wolfgang Harnischfeger etwa schreibt in der Wochenzeitung „Die Woche“ (22.09.2000, S.3 1) unter dem Titel „Musterschüler im Vergessen“:
„Es fehlt vielen heutigen Schülerinnen und Schülern die Fähigkeit und der Wille, sich den Stoff individuell anzueignen, das heißt, ihn zu Hause im Buch noch einmal zu lesen und sich die zentralen Elemente einzuprägen. Es fehlt wahrscheinlich auch ein häusliches Umfeld, in dem man einmal von dem in der Schule Erlebten erzählen, Fragen dazu stellen kann. Lernpsychologisch geschieht Folgendes: Der Unterrichtsstoff findet weder eine emotionale noch eine kognitive Verankerung, also wird er vergessen – von etwa der Hälfte der Klasse.
[...] die Mehrheit verfügt über wenig Fragehaltung, über wenig Neugierde (wie man das altmodisch nannte, bevor man die Motivationsstrategien entdeckte), kann sich schlecht konzentrieren, ist kaum körperliche Anstrengungen gewohnt, sucht den unmittelbaren Erfolg und eine schnelle Abfolge von Reizen.“
 
Die Lehrerin Maria Stein ergänzt in einem Leserbrief an das genannte Wochenblatt:
„Die Maxime der Schüler, die ich in den letzten zwei Jahren hatte, lautete immer und überall: Wie bekomme ich mit möglichst wenig Zeitaufwand möglichst gute Noten? Dies mag ökonomisch gedacht sein, aber das Wort „lernen“ kommt weder im Vokabular noch im Bewusstsein solcher Schüler mehr vor. Ich könnte auch sagen: Meine Schüler ersticken mein Engagement in Gleichgültigkeit und unendlicher Langeweile, meine Neugierde und Wissbegier springt nicht auf sie über, meine Begeisterung, etwas heraus-zubekommen, was nicht in Literaturgeschichten oder im Internet als fertige Info zu finden, sondern durch eigene Denkarbeit herzustellen ist, wirkt bestenfalls altmodisch und komisch, meist nur lächerlich. Ich wate in Kau-gummi, Jahr für Jahr mehr, und meine in den Ferien entwickelten Ideen entpuppen sich nach zwei Wochen spätestens als schöne Blütenträume aus einer Zeit, als solches Arbeiten noch funktionierte. Natürlich gibt es gleichgültige, faule oder unfähige Lehrer, aber genauso gibt es nicht mehr neugierige, ungemein satte, arrogante, ungezogene, äußerst bequeme, klugschwätzerische Schüler, die alles besser wissen und nur noch eines perfekt lernen in der Schule: wie man sich durchmogelt und alle übers Ohr haut.“
 
Vor allem die mangelnde Fähigkeit der Eltern, Grenzen zu setzen, an Forderungen und Widerstände zu gewöhnen und dem Alltag die notwendige Struktur zu geben, führt bei den Kindern zu einer völlig falschen Lebenseinstellung und Lebens-gestaltung. Ihre Kennzeichen sind Bequemlichkeit, aggressive Langeweile, Vermeidungsverhalten schon bei geringsten Anforderungen, Vergesslichkeit, chaoti-sche Unordnung, Norm- und Regelschwäche sowie Suchtverhalten mannigfaltigster Art, das oft als solches gar nicht erkannt wird (z.B. Naschsucht, Spielsucht, Telefoniersucht, Gesellungssucht, Sexsucht, Computersucht, unbegrenzter TV- und Musikkonsum etc.). Jugendliche führen nicht selten ein rast- und schlafloses Leben am Rande der Verwahrlosung und des körperlichen Zusammenbruchs, zwischen Schule, Partys, Discos, Nebenjobs, der Pflege zahlloser Bekanntschaften, unter pausenloser Musikberieselung oder anderweitiger Reizüberflutung, die es kaum noch zulässt, einen klaren Gedanken zu fassen.
 
Einen hohen, aber immer noch kaum diskutierten Anteil an den vermeintlichen „Schulschwierigkeiten“ der Jugendlichen dürfte der Konsum von Alkohol, Haschisch und chemischen Partydrogen (Ecstacy usw.) haben. Lern- und Leistungsstörungen, die gern als Pubertätsprobleme oder „Faulheit“ verniedlicht werden, gehen vielfach auf drogenbedingte Persönlichkeitsveränderungen (Gleichgültigkeit, Antriebsschwäche, Gedächtnisverlust) oder körperliche Erschöpfungszustände zurück.
 
Was auch immer die wahren Ursachen für das massenhafte Schulversagen sein mögen: Es ist fast völlig aus dem Blickfeld geraten, dass Lernerfolg sich nur bei einer angemessenen Lebensgestaltung einstellt, zu deren wichtigsten Elementen Verzicht auf Genussgifte und Drogen, gesunde Ernährung, Bewegung an der frischen Luft, ausreichend Schlaf sowie ein regelmäßiger Tagesrhytmus mit häufigen Ent-spannungs- und Ruhephasen gehören. Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, können die Lerninhalte erfolgreich aufgenommen und im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.
 
Verschärft werden die Lernschwierigkeiten der Kinder und Jugendlichen durch erzieherische Defizite in den Familien und eine entsprechend schlechte (Selbst)-Disziplin der SchülerInnen. Aber zum erfolgreichen Lernen gehört eben auch eine störungsfreie Arbeitsatmosphäre, gehören Schüler(innen), die sich selbst im Griff haben, sich in Gruppenprozesse einfügen können, die konzentriert und lenkbar sind. Ein erheblicher Teil der Schüler(innen) ist heute schlichtweg nicht mehr hinreichend erzogen, um an Lernprozessen in größeren Gruppen teilnehmen zu können.
 
Schlimmer noch: Maßnahmen der Schulen gegen die bestehenden Erziehungsdefizite der Kinder und Jugendlichen, werden von den Elternhäusern längst nicht mehr unterstützt. Hierzu noch einmal der Leiter des Beethoven-Gymnasiums Berlin, Wolfgang Harnischfeger:
„Eltern stellen sich jetzt bedingungslos vor, neben und hinter ihre Kinder. Häufig kommt dieses Verhalten von Eltern, die sich wenig um die schulische Laufbahn ihrer Kinder kümmern, vermutlich eine Art Kompensation aus schlechtem Gewissen heraus. Auf diese Haltung angesprochen, geben Eltern als Begründung an, sie wollten nicht das Vertrauen ihrer Kinder verlieren. Ihr eigenes Vertrauen in das Verhältnis zu ihren Kindern scheint aber nicht allzu groß zu sein, wenn sie es bei jeder erzieherischen Intervention gefährdet sehen und deshalb auf eine Auseinandersetzung verzichten.
 
Eltern müssen lernen, sich von ihren Kindern seelisch zu distanzieren‘, wird die Züricher Psychologin Eva Zeltner im ‚Spiegel‘ zitiert. „Mit dieser Feststellung wird das Problem vieler Mittelschichteltern auf den Punkt gebracht.“
 
Der Schulpsychologe Wolfgang Gangnus sieht einen klaren Zusammenhang zwischen elterlichem Erziehungsversagen, Disziplinlosigkeit und Gewalt im Klassenzimmer sowie resignativen Reaktionen der Lehrer. Jeder dritte Schulanfänger sei vom Sozialverhalten her noch nicht schulfähig. Die Erziehung werde vom Elternhaus auf die Schule abgewälzt. Viele Eltern seien erziehungsschwach. Den Kindern werde jeder Wunsch erfüllt, deshalb fehle es an der Fähigkeit, sich in eine Gruppe zu integrieren und mit anderen auseinanderzusetzen. Es entstehe Schulstress, der durch Stören, Schwänzen, Mobbing und Gewalt ausagiert werde (Gießener Anzeiger vom 28.11.2000, S.3).
 
Das Nachrichtenmagazin „FOCUS“ machte den „Höllenjob Lehrer“ zum Titelthema und zitierte den Hamburger Erziehungs-wissenschaftler Peter Struck mit der alarmierenden Feststellung: „Wir meinen, dass 60% der Kinder nicht hinlänglich erzogen in die Schule kommen.“ Die Pädagogen würden zermürbt von unerträglicher Respektlosigkeit und erschreckendem Desinteresse. Nur wenige Mütter und Väter seien fähig zu einer konstruktiven Mitarbeit. Sie nähmen ihre Kinder pauschal in Schutz, weil sie „Erziehen mit Verschonen“ verwechselten. Kindern und Jugendlichen müsse aber vermittelt werden, dass Lernen nicht nur Lust bereite, sondern auch anstrengend sei. (Vgl. „Focus“ vom 09. April 2001, S. 66 ff.).
 
„Wenn Eltern Autorität und Professionalität der Lehrer unterminierten“, so zitiert die Frankfurter Allgemeine ein Memorandum des Deutschen Lehrerverbands vom 17.04.2001, „schwinde die Bereitschaft junger Menschen zu Anstrengung und Eigenverantwortung. Eltern hätten darüber hinaus die Pflicht, dafür zu sorgen, daß ihre Kinder über ein Sozialverhalten und Sprachniveau verfügten, das ein konstruktives Arbeiten in der Schule erst ermögliche“ (vgl. FAZvom 18.04.2001, S. 6).
 
Die durch die PISA-Studie offengelegte "neue deutsche Bildungskatastrophe" entpuppe sich bei näherem Hinsehen auch als Erziehungskatastrophe, schreibt "Der Spiegel". Bildungspolitiker hätten die "Wucht des Wertewandels" unterschätzt, den die "Kulturrevolte von 1968" hinterlassen habe. Nun müssten Disziplin und Selbst-disziplin sowie die berühmten "Sekundärtugenden" Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß als "Schlüsselqualifikationen" bzw. "leistungssteigernde Faktoren" mühsam wieder zur Geltung gebracht werden, bestünde doch der Unterricht "oft zu 80% aus nichts anderem als dem vergeblichen Versuch des Lehrers, für Ruhe zu sorgen" (Der Spiegel v. 13.05.2002, S. 104).
 
Wenn nichts mehr hilft, hilft Internat?
 
Eltern, die aufgrund einer fehlenden Distanz zu ihrem Nachwuchs deren Schulprobleme nicht mehr differenziert und kritisch wahrnehmen können, sind besonders anfällig für die Verführung durch „einfache Lösungen“. Die einfachste Lösung bei Schulproblemen aber heißt: Wechsel in ein vermeintlich günstigeres Umfeld, möglichst die exklusive „Privat-schule“ mit kleineren Klassen, engagierteren Lehrkräften und motivierteren Mit-schüler(innen). Also ab ins Internat!
 
Diesen Wechsel des Umfelds hält man naiverweise bereits für die eigentliche Problemlösung. Die offenkundigen Schwierigkeiten des Nachwuchses - etwa das weitgehende Fehlen von Selbstdisziplin oder die vielfach schon pathologischen Strategien zur Vermeidung jeglicher Anstrengung - wollen erziehungsschwache Eltern nicht analysieren, sondern verdrängen und verharmlosen. Ihr Kind, heißt es dann oft, sei zwar intelligent, aber halt „ein bisschen faul“.
Alles, so hofft man, werde sich in der neuen Umgebung ändern, wenn die Fähigkeiten des Kindes endlich erkannt und besser „gefördert“ würden, der Tagesablauf geregelt sei und die vielfältigen Freizeitattraktionen auch wieder „Spaß am Lernen“ vermittelten.
 
Wir wagen an dieser Stelle die Behauptung, dass der gesamte Privatschul- und Internatsboom der letzten Jahre zu großen Teilen auf den Illusionen erziehungsunfähiger und bequemer Eltern beruht, durch den Wechsel ihres Kindes in ein x-beliebiges Internat von Schulproblemen befreit zu werden, die ihre Ursache nur zu einem geringen Prozentsatz in der bisherigen Schule, sondern überwiegend in erziehungsbedingten Persönlichkeitsdefiziten der Kinder und Jugendlichen haben.
Aus diesem Grund werden auch nur Scheinlösungen gesucht, durch die alles besser zu werden verspricht, ohne dass sich wirklich etwas ändern müsste; etwa im Erziehungsverhalten der Eltern, in der Einstellung der Kinder zur Arbeit, in ihren Lebensumständen und ihrer Lebensgestaltung.
 
Mit den konkreten pädagogischen Maßnahmen oder Strukturen des Lernumfelds, die zielführend wären, um aus dem bisherigen Schulversager wieder einen leistungs-orientierten und erfolgreichen jungen Menschen zu machen, setzt man sich gar nicht erst auseinander. Einziger Maßstab für die Qualität des Internats sind bessere Noten. Ob sich tatsächlich auch die Leistungen verbessern, ob die im Internatsprospekt versprochene „individuelle Förderung“ auch tatsächlich stattfindet, interessiert kaum noch, sobald die Zensuren wieder „stimmen“, die Versetzung gerade noch geschafft wird.
 
Schaut man aber einmal unvoreingenommen hinter die Kulissen der Privatinstitute, die angeblich so viel individueller fördern als öffentliche Lehranstalten, stößt man auf ein derartiges Elend, so viele Mängel und Probleme, dass man für die vermeintlichen Erfolge dieser Einrichtungen kaum plausible Erklärungen findet. Einige Zitate aus Presseberichten, die diese Situation über einen langen Zeitraum dokumentieren:
 
> Der zu bearbeitende Acker ist steinig. Bernhard Bueb: „Es ist erschreckend, wie wenig Einfluss die Erzieher auf die Kinder haben.“ Ein Pater in St. Blasien: „Wir können nur ein Angebot machen.“ Gerold Becker: „Noch nie hat so viel pädagogischer Aufwand ein so geringes Ergebnis gehabt.“<
Quelle: Renate Schostack: Der Steinige Acker der Erziehung- Drei Internate: St. Blasien, Salem und die Odenwaldschule. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.10.1975
 
> Große Pause mit Imbiß im „Priorat“ (klingt nach Kloster, gemeint ist aber das Lehrerzimmer): Hier trefe ich auch die externen Kollegen, die sich größtenteils über meine Schützlinge beklagen (d.h. indirekt natürlich auch über mich): Leistungsabfall, Disziplin, Ordnung... immer das gleiche und ohne Hintergrund; ich höre zu und rücke einiges aus meiner „internen“ Sicht zurecht. Dann Ansage von Terminen, Hinweise auf Verordnungen, kaum wirklich Pädagogisches.
Im Laufschritt runter ins Sekretariat, um mein Postfach zu leeren, das schier überquillt von Strafzetteln (Mitteilungen von Kollegen, i c h möchte doch die für s e i - n e n Unterricht nicht gemachten Hausaufgaben eines Jungen aus meinem Flügel „ahnden“ u.a. Kuriositäten), Notenübersichten nach jedem noch so kurzen Test, damit ich Substanz für die Mitteilungen an die Eltern und die Trimesterberichte habe, Sitzungsprotokolle, Terminlisten, amtliche und schulische Verfügungen, dienstliche Rechnungen, Elternpost – tagtäglich wahre Papierberge, weit mehr als an einer Staatsschule. (...) Für Unterrichtsvorbereitungen bleibt weder Zeit noch Ruhe; (...) um 1 6:45 beginnt die Arbeitsstunde, während der ich, wie die Schüler, auf meinem Flügel sein muss. Beide Wohnungstüren sind geöffnet, damit ich die Flügelhälften überblicken kann (wer für seine Arbeit Ruhe braucht, kann entweder in meiner Wohnung oder im „Kapitelsaal“, der Bibliothek mit Schweigepflicht, arbeiten): ich lese Aufsätze durch, gebe Hinweise auf Schwachstellen, höre Vokabeln ab, überprüfe eine Graphik für den Erdkundeunterricht, übe Grammatik (bei Mathe muß ich passen) usw. ..<.
Quelle: Peer Schmidt-Walther: Salem, Schloss der Gottesfurcht. In: betr. :erziehung, H. 7/8 1982
 
>Gegenwärtig verstärken viele Landerziehungsheime durch ihre Aufnahmepraxis das Image der Internate, vor allem schwierige, konsumorientierte, verwahrloste, abgeschobene Kinder aufzunehmen. (...) Häufen sich Jugendliche in einer Gemeinschaft, die schulverdrossen, depressiv, aggressiv, unmotiviert oder in anderer Weise psychisch labil reagieren, wird die Aufgabe der Erzieher und Lehrer zur Sisyphusarbeit; die Erfolglosigkeit wird sich auf Stimmung und Atmosphäre in der Schulgemeinschaft auswirken, und das wird wieder zurückwirken auf den Erziehungsstil.“
Quelle: Dr. Bernhard Bueb In: Konzepte und Erfahrungen 1986, S. 45 f.
 
> Der Ansturm auf Privatschulen hängt ganz sicher damit zusammen, daß es in diesem Bereich viele gut geführte Schulen mit zum Teil alternativen pädagogischen Konzepten gibt. Aber die Privatschulen leben auch von einem Ruf, der weniger auf Tatsachen beruht als auf Wunschdenken...
Gerade katholische Schulen sind aufgrund ihrer Anziehungskraft in besonderem Maße versucht, eine forcierte Politik der großen Klassen in der gymnasialen Unterstufe zu betreiben. (...) Unterricht in großen Klassen bedeutet aber disziplinarische Probleme: häufige, wenig wirksame Außenlenkung durch Strafe und Verbot statt Innenlenkung durch dauerhafte Einsicht. Und wo der einzelne wenig Hilfestellung bekommt, muß massiver privater Nachhilfeunterricht die Lücken schließen.<
Quelle: Beate Köster: "Kienbaum und die Folgen – Katholische Schulen zwischen Anspruch und Masse". In: Rheinischer Merkur vom 19.06.1992, S. 16
 
> Doch so heil, wie in den Hochglanzbroschüren geschildert, scheint die Welt der Landerziehungsheime nicht zu sein. Die Zahl der „Problemfälle“ unter den Kindern werde immer größer, die Schwierigkeiten mit Gewalt und Drogen in den Internaten seien genauso massiv wie im öffentlichen Schulsystem, und eine wachsende Zahl der Nobeladressen unter den deutschen Privatschulen sei praktisch unregierbar geworden, erzählen ehemalige Lehrer. Kaum eine Schule kann sich ihre Schüler noch aussuchen. Manche lassen sich bis zu 40% ihrer „Kunden“ von Jugendämtern vermitteln; die Jugendhilfe übernimmt die Finanzierung für den Internatsplatz dieser schwer erziehbaren Kinder.<
Quelle: Cornelia Knust: „Man schleift sich ab und lernt, eine Hackordnung zu akzeptieren“. In: FAZ Nr. 304 vom 31.12.1993, S. 39
 
> Läßt sich das überlieferte Bild vom „Aufanglager“ für die Kinder der besseren Kreise mit diesem Argument relativieren, so ist heute auch ein Fragezeichen am Klischee der heilen pädagogischen Welt anzubringen. Kenner der Internatsszene jedenfalls wissen, daß der selbstlose pädagogische Idealist, der neben seinem Unterricht auch noch die Rund-um-die-Uhr- Betreuung einer „Familie“ von bis zu zehn pubertierenden Jungen oder Mädchen mit leichter Hand meistert, heute immer seltener wird.<
Quelle: Heiner Barz: Besserungsanstalt oder goldener Käfig? In: FAZ Nr. 119 vom 26.05.1999
 
> Zugegeben, ich habe dort nicht das beste Abitur gemacht. (...) Habe sicher viel zu wenig kluge Bücher gelesen, weil Segeln so viel schöner war. (...) Überhaupt gewöhnte man sich in vielen Dingen eine sehr lässige Art an, mit der man sich im späteren Leben nicht unbedingt sofort Freunde machte. Als Internatler sah man halt so manches wie auch zum Beispiel Pünktlichkeit, Disziplin, Fleiß sehr, sehr „großzügig“.<
Quelle: Dagmar von Taube: Das Geheimnis Internat. In: Welt am Sonntag vom 04.06.2000, S. 37
 
> Das Studium, voll Zuversicht, / Wollte ich zum Lernen nützen. / Doch leider, es gelang mir nicht! / Möglich war nur ödes Sitzen / Gepaart mit blödem Schabernack; / Genervt von pubertären Witzen / Hatte ich das Treiben satt / und zog daraus die Konsequenzen: / Nach Hause zog es mich zurück - / Dort konnt‘ ich mich gut verschanzen / - zu lernen für mein eig’nes Glück. / Gnädig war das Schicksal mir; / Der Aufstieg wurde mir erlaubt; / Das Drama nahm sein Ende hier, / Hatt‘ ich wenigstens geglaubt. /Dieses Werkes schließend Wort / Sollte im Gedächtnis bleiben, / Denn es gilt an jedem Ort, / Mag ’s auch ein wenig übertreiben: / Der höchste Zweck vom Internate / Ist nicht, den Geist zu exerzieren,/ Sondern mit gewitztem Mute/Den Lachmuskel sich zu trainieren.
Quelle: Spottgedicht eines Internatsschülers aus dem Internet (29.11.2000) www.vhs-ge.gelsen-net.de
 
> Momper: „Weil es nicht so war, wie ich mir das vorgestellt hatte, also dieses Sich-auf-die-Schule-Konzentrieren und dieses Dafür-Arbeiten, das war da nicht...“
Fliege: „Da war Party angesagt...“
Momper: „Ja, eher das. Und dann haben alle gesagt, ja das vergisst Du hinterher... Erfolgsorientiert waren die an diesen Schulen nicht.“
Quelle: Friederike Momper auf die Frage von Talkmaster Jürgen Fliege, warum sie nach Probeaufenthalten in mehreren Landerziehungsheimen wieder nach Berlin auf ein öffentliches Gymnasium zurückgekehrt sei. (ARD-Talkshow „Fliege“ vom 11.01.2000)
 
Friederike Momper: „Im Internat wird man nicht zum Lernen motiviert!“
Quelle: Schrifteinblendung während des obigen Interviews in der ARD-Talkshow „Fliege“ vom 11.01 .2000
 
> Ich hatte mir vorgestellt, dass ein Internat den Jungen so fördern und nicht auslassen würde, dass er nicht umhin kann zu lernen. Timo hat bereits an einer Schulprobewoche in der Odenwaldschule in Heppenheim teilgenommen. Ich musste aber mit Schrecken feststellen, dass die Kinder nachts aus den Häusern können, Alkohol keine Seltenheit ist. Das hat mich sehr erschrocken und ich habe von der Schule Abstand genommen.<
Quelle: Brief von Frau V. Mueller-Gantenbrink am 28.12.2000 an die Internats-beratung der AVIB gemn.e.V. in Grünberg/Hessen
 
> Die Lehrer mit ihren individuellen Methoden wechseln häufig. Die Urspringschule bleibt eine schlechte Schule. (...) Die Noten sind oft besser als in der Heimatschule. Das gilt aber nicht für die schulischen Leistungen. Ein großer Teil der Mitschüler ist ständig versetzungsgefährdet. Im Notfall werden auch mal Zeugnisnoten zum Guten "berichtigt". Paragrafenversetzungen gibt es jedes Jahr bis zur Schmerzgrenze. Ehemalige Lehrer beschweren sich schon beim Oberschulamt in Tübingen.
Bei der ABI-Prüfung fallen ca. 10% der Schüler durch. Das Klima? Wenn die externen ABIPrüfer aufs Gelände kommen, werden alle anderen Schüler zum Ausflug geschickt, damit bloß keiner den ABI-Prüfern frech kommt. Das könnte die Prüfer ungnädig stimmen. Schlägereien gibt es noch, aber Angriffe auf Lehrer sind seltener geworden, seit der neue Heimleiter Hr. W. die Jugend-hilfeeinrichtung bewacht und führt “.<
Quelle: Schülerbericht auf der Internetseite www.dooyoo.de/review/74 1 286.html, geschrieben am 23.04.2002
 
Es drängt sich der Verdacht auf, dass die meisten Internatsschulen ihre Aufgabe der individuellen schulischen Förderung mehr schlecht als recht erfüllen. Die Gründe:
  • Jedes Internat kann nur so gut sein, wie die Schüler(innen), die es aufnimmt. Die Schülerauswahl der Internatsschulen ist aber die schlechteste überhaupt. Wer an einer öffentlichen Schule erfolgreich ist und auch sonst keine Schwierigkeiten hat oder macht, geht nicht in ein Internat! Dorthin streben im Wesentlichen nur Verhaltens-, Lern- und Leistungsgestörte.

  • Preiswerte Einrichtungen mit einer hohen Zahl von Belegplätzen, aber auch kleinere Institute der gehobenen Preiskategorien haben die Tendenz, die Aufnahmekapazitäten im Interesse eines wirtschaftlichen Betriebs möglichst voll auszulasten. Dies lässt eine sorgfältige Schülerauswahl nicht zu.

  • Die Internatsschulen haben dem Ansturm der Schulversager und Schwererziehbaren wenig entgegenzusetzen. Die Vorteile kleinerer Klassen etwa verkehren sich in ihr Gegenteil, wenn sich dort nur lernschwache oder undisziplinierte Schüler(innen) konzentrieren. Und selbst die engagiertesten Pädagogen werden durch die ständige Überforderung zermürbt. Schließlich kann die schulische Betreuung unter den gegebenen Umständen nie so intensiv sein, wie sie es eigentlich sein müsste, um vorhandene Defizite mit seriösen Mitteln aufzuarbeiten.

  • Selbst den teuersten Instituten fehlt das Geld für die erforderliche Einzel-betreuung. Ihre kleineren Klassen bieten hier kaum Vorteile. Sie sind kein Ersatz für Fördermaßnahmen, die nur unterrichtsergänzend und in Einzel-betreuung erfolgversprechend sind. Oft zehrt gerade der Betrieb privater Schulen für eine relativ geringe Zahl von Schüler(innen) sämtliche Mittel auf, so dass eine effektivere Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe aus finanziel-len Gründen unterbleibt.

  • Schulprobleme sind in erster Linie Erziehungs- bzw. Entwicklungsprobleme. Ihre Lösung erfordert ein Gesamtkonzept, das tief in die Lebensgestaltung der Schüler(innen) eingreift. Die hierfür erforderlichen trans-parenteren Strukturen und verstärkten Aufwendungen für qualifiziertes Personal sind zu den üblichen Internatskosten, die sich an der Belastbarkeit von „Selbstzahlern“ orientieren müssen, nicht realisierbar. Außerdem müsste den Internatsschüler(innen) eine leistungsorientiertere Lebensführung abverlangt werden, die aber der spaßorientierten Erwartungshaltung der Internatsschülerinnen (und ihrer Eltern!) weitgehend widerspricht.

 
Was wirklich hilft
 
Die Frage danach, wie Internate das Hausaufgabenproblem besser lösen könnten, spart die eigentlich nahe liegende Alternative, das Hausaufgabenproblem radikal zu beseitigen, indem man generell die Hausaufgaben abschafft, aus. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dies wäre nicht gleichbedeutend mit dem Verzicht auf selbständige Übungsphasen und die damit verbundenen Möglichkeiten, Inhalte durch Wiederholung vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis zu transportieren sowie fachspezifische Lern- und Arbeitstechniken zu erproben bzw. zu entwickeln. Das individuelle Üben, Wiederholen, Einprägen usw. könnte aber in zusätzliche fachlehrerbetreute Unterrichtsstunden ausgelagert werden. Allerdings ist diese Lösung die fachpersonalaufwendigste und damit teuerste. Wo oft schon Lehrer zugleich die Erzieherfunktion übernehmen müssen, weil Internatsträger und selbstzahlende Eltern sonst durch die Kosten überfordert würden, dürften kaum ernsthafte Realisierungschancen bestehen. Der Fachlehrerbedarf würde sich nämlich um mindestens ein Drittel erhöhen.  
 
Ein wichtiger Einwand gegen ein derart kostspieliges Betreuungsmodell wäre zudem, dass auch dieses keine 100%ige Kontrolle individueller Lernaktivitäten gewährleisten kann. Lernunwillige und oft durch Fehlerziehung nicht absprachefähige, nicht belastbare und sogar hochneurotische Vermeidungskünstler finden immer Schlupflöcher, um sich der organisierten Übung und Vertiefung ihrer schulischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entziehen. Leidgeprüften Sorgeberechtigten dürfte hier das ganze Arsenal von Ausreden, Lügen, Manipulationstechniken, vorgetäuschten Krankheiten usw. aus dem bisherigen Familienalltag ins Gedächtnis gerufen werden.
 
Damit sind wir bei der Grundprämisse jeglicher pädagogischen Unterstützung angelangt: Gegen seinen Willen ist niemandem zu helfen. Nur wer gelernt hat, seinen Willen den Wünschen einer durch Erziehung führenden Bindungsperson und mit zunehmender Reife der Stimme des eigenen Gewissens unterzuordnen, anstatt nur willkürlich seinen momentanen Launen, Stimmungen und Befindlichkeiten nachzugeben, werden überhaupt die Loyalität und Willenskraft entwickeln, pädagogisch unterstützende Angebote anzunehmen und für sich optimal zu nutzen. Und nur wer nicht ständig verwöhnt und verschont, sondern in der verhaltensökologisch richtigen Weise gefordert wurde, wird die hedonistische Bedürfnisbefriedigung zugunsten von Anstrengungen aufschieben können, die entweder aufgrund von Sublimierung selbst als lustvoll erlebt oder erst zu einem viel späteren Zeitpunkt belohnt werden. Der Erfolg von Unterricht und unterrichtsergänzenden Maßnahmen hängt also von der Persönlichkeitsstruktur ab, die sich nach den Erkenntnissen der Neurobiologie, Verhaltens- und Entwicklungspsychologie früh verfestigt und nur unter großem Zeitaufwand reversibel ist. 
 
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Internatleiterin Dr. Eva Borchers mehr Selbstdisziplin in der Kindererziehung als Voraussetzung erfolgreicher Lernhilfe fordert:
"Sie [die Kinder und Jugendlichen, Anm. d. Verf.] wurden so erzogen, sich nicht alles gefallen zu lassen“, schildert Borchers. Schüler bzw. deren Eltern sollten verstärkt an der Selbstdisziplin beim Lernen und nicht so sehr am Selbstbewusstsein ihrer Sprösslinge arbeiten, rät die erfahrene Lehrerin und Erzieherin und bestätigt damit auch aktuelle psychologische Erkennt-nisse."