Hausaufgabenstress: Internate bieten oft nur Scheinlösungen

Pünktlich zu den Anmeldeterminen von Privatschulen und Internaten wird das Thema „Hausaufgabenstress“ alljährlich zum Medienthema. Geplagte Sorgeberechtigte, die glauben, sich von dem schulbedingten Nervenverschleiß freikaufen zu können, indem sie den lernunwilligen Nachwuchs fremder Obhut anvertrauen, fallen dabei aber allzu leicht auf die Scheinplausibilität der propagierten Betreuungsmaßnahmen privater Bildungsträger herein. Was viele nicht wissen: Unzureichende Aufsicht und Unterstützung bei den Hausaufgaben gehört auch gegenüber privaten Ganztagsschulen, Internaten und Nachhilfeinstituten zu den häufigsten Elternbeschwerden.

„Die Hausaufgabenbetreuung muss man realistisch sehen. Die ist praktisch überall mangelhaft“, fasst eine internatserfahrene Mutter auf der Seite „Schulthemen.de“ ihre Beobachtungen in offenbar mehreren Wohnschulen zusammen.

In nachfolgendem Spottgedicht blickt ein Ehemaliger sehr kritisch auf jene nachmittäglichen Internatsveranstaltungen zurück, die die Internatsordnungen ungeachtet des hinhaltenden Widerstands der Schülerschaft und der Lärmglocke, mit der sie diesen demonstrieren, traditionell als „Studium“ oder „Silencium“ ausweisen:

„Das Studium, voll Zuversicht / wollte ich zum Lernen nützen. / Doch leider, es gelang mir nicht! / Möglich war nur ödes Sitzen / Gepaart mit blödem Schabernack. / Genervt von pubertären Witzen / hatte ich das Treiben satt / und zog daraus die Konsequenzen: Nach Hause zog ich mich zurück. / Dort könnte ich mich gut verschanzen / zu lernen für mein eig'nes Glück.“

Den individuellen Vorzug einer störungsfreien Arbeitsatmosphäre genießen in den Internatsschulen und Schülerheimen leider nur die Privilegierten, denen ein Einzelzimmer zugewiesen wurde. Dort fehlt es dann allerdings wiederum am kontrollierenden Blickkontakt und der qualifizierten Hilfe eines ebenso präsenten wie kompetenten Pädagogen. Ein einzelner Gruppenerzieher oder Betreuungslehrer, der üblicherweise auf dem Rundgang durch die Gänge seiner Kohorte ein paarmal seine Nase durch jede Tür steckt, um sich zu überzeugen, dass die Eleven die ihrige in die Schulbücher versenken, wird weder für das notwendige „studium“ (lat. für „eifriges Streben“) noch ein konzentrationsförderndes „silencium“ (lat. für „Schweigen, Stille“) sorgen können, ganz abgesehen von der Tatsache, dass umfassend gebildete Mitarbeiter, die den Schulstoff aller Fächer und Klassenstufen beherrschen, auch in Internaten eine Ausnahmeerscheinung sind.

Noch schlechter versorgt sind zumeist diejenigen, die für durchschnittlich zwei Stunden pro Nachmittag in ihren Mehrbettzimmern „studieren“ (Internatsterminus: „Zimmerstudium“) oder in so genannten „Lernklassen“ (also in Klassenstärke) bzw. in  kleineren Lerngruppen zusammengefasst werden. Es ist ein Phänomen, dass Eltern, die bereits an den Ver-meidungsstrategien nur eines Kindes gescheitert sind, leichtgläubig voraussetzen, dass ein Internatserzieher spielend in der Lage sei, die Hausaufgabenpensa von zehn oder fünfzehn Kindern auf Vollständigkeit und Richtigkeit zu überprüfen sowie den notwendigen Kontakt zu allen Fachlehrern seiner Schützlinge zu halten. Dass dem natürlich nicht so ist, beweist das nachfolgende Video-Dokument, das in einem sauerländischen Institut aufgezeichnet wurde.
Link: http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=759rEnncUgc#t=382s

Zwangsläufig fehlt es daher nicht an (selbst-)kritischen Zeugnissen, die der Hausaufgabenbetreuung oder Lernhilfe als der zentralen Dienstleistung des Internats neben einer häufig absolut desolaten Organisation auch eine vielfach unzureichende Wirksamkeit attestieren.

„Die auf der Unter- und Mittelstufe von Fachkräften beaufsichtigten sogenannten Lern-stunden“, schreibt die ehemalige Leiterin des Landerziehungsheims Marienau, Anneliese Knoop, in ihrem Buch Internate. Aufgaben und Angebote der Heimschulerzieh​ung..., „sind als wesentliche Ergänzung des Unterrichts das Kernstück schulischer Arbeit im Internat. Indessen reichen sie für viele Schüler nicht aus, um Unterrichtserfolge zu garantieren“. Und: „Viele Schüler kommen mit den beiden vorgesehenen Stunden nicht aus, um das Pensum wirklich zu erledigen; [...] Häufig [...] bleibt es der Eigeninitiative des Einzelnen überlassen, außerhalb der verpflichtenden Arbeitsstunden seine Hausaufgaben zu machen“.

Ihre volle Bestätigung findet diese Feststellung in einer Szene, die der NDR in einem norddeutschen Landerziehungsheim (Reportage: Internat Louisenlund“) abgefilmt hat.
Siehe den Link: http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=Jdj9fLclpX4#t=395s

Hier demonstriert Herr U., ein nicht eben dynamisch, sondern eher abgekämpft wirkender Pädagoge, der neben seinen Unterrichtsverpflichtungen noch eine 13-köpfige Jungengruppe „rund um die Uhr“ betreut, dass es dem „Fachmann“ auch nicht besser geht als den elterlichen Hilfslehrern und Laienerziehern zu Hause. Gleich der erste kontrollierte Eleve beantwortet die Frage nach den anstehenden Hausaufgaben lediglich ausweichend. Der Lehrer hakt nicht nach und erteilt den ungenauen Arbeitsauftrag, halt irgendwelche Vokabeln zu wiederholen. Der Schüler behauptet, alle nur denkbaren Übungen bereits am Vortag erledigt zu haben. „Na gut“, gibt sich der Pädagoge geschlagen und begibt sich in das nächste Zimmer, wo er zwei Schüler (O-Ton Herr U.: „Was ist das?“) aufschreckt, die sich erst an ihre Arbeitstische setzen, nachdem sie „bei der Ehre“ gepackt und ihnen das „Ehrenwort“ abgenötigt wurde, die Lernzeit „ab morgen“ einzuhalten. „Super!“ bekräftigt Herr U. seine vermeintlich nachhaltig wirkende und charakterbildende Glanzleistung. Auf den Gang hinaustretend, sieht er sich mit der Frage konfrontiert, „ob er Mathe könne“. „Ich hoffe... ich kann dir helfen“, lautet die nicht eben zuversichtliche Antwort. Die folgenden Einstellungen lassen dies denn auch eher zweifelhaft erscheinen. Quälend lange müht sich der Hobby-Mathematiker um die richtige Lösung, bis sich schließlich herausstellt, dass der Schüler (O-Ton Herr U.: „Du Pappnase!“) die Aufgabe falsch abgeschrieben hat.       

Man fragt sich aufgrund derartiger Eindrücke allerdings, auf welchen Wegen die hier demonstrierte elitäre Ausbildung wohl zu den erfolgreichen Karrieren führen mag, von denen wirtschaftsfreundliche Gazetten und internatsbegeisterte Eltern zu berichten wissen; zumal ja auch die übrigen Pfunde, mit denen die privaten Bezahlschulen gewöhnlich wuchern, allen voran die kleineren Klassen und die bessere Schulausstattung, nach Überzeugung aller Bildungsökonomen ohne Effekt auf die individuelle Schülerleistung bleiben.

Zumindest einen Teil der Antwort liefert eine weitere Szene aus der NDR-Reportage über das Landerziehungsheim Louisenlund:
(Link: http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=C-FY1cQlS1I#t=181s). Kommentar aus dem Off:

“Bei einigen war es richtig knapp. Am Ende haben die besonders guten Noten in den mündlichen Prüfungen viele noch durchs Abi gebracht...“

Zumindest Internate, die eigene private Unterrichtseinrichtungen betreiben, können notfalls ein wenig nachhelfen, wenn das „studium“ des Eleven im „silencium“ nicht ausreichend war und die schlechten Noten des schriftlichen Zentralabiturs den Schulabschluss gefährden. Genau das entspricht der Erwartungshaltung der zahlenden Kundschaft. Und deshalb kann die Hausaufgabenbetreuung auch so schlecht sein, wie sie will. Hauptsache, am Ende wird geliefert. Das Codewort für diese Dienstleistung lautet „individuelle Förderung“. Es geht nur darum, die lästige Formalie „Schulabschluss“ irgendwie zu erfüllen. Für die weitere Karriere danach ist zumeist bereits bestens gesorgt. Es warten bereits der Chefsessel in Pappas Betrieb, der Medizin-Studienplatz in Ungarn oder der mit einer saftigen Spende erkaufte Platz in Havard. Ein kurzer Auszug aus Julia Friedrichs Reportage-Bestseller Gestatten: Elite (S. 152 f.) als Illustration zum Abschluss:

„Die Schüler, die Neubeuern verlassen, erreichen häufig Positionen, die ihnen Geld und Einfluss sichern. [Schulvorstand] Jörg Müller, dessen Offenheit mich beeindruck, sagt, er wisse nicht, wie groß der Anteil der Schule [Schloss Neubeuern, Anm. d. Verf.] an diesen Erfolgen sei. >>Es ist immer schwierig, im Nachhinein festzustellen, ob die Schüler so erfolgreich sind, weil sie einflussreiche Eltern haben und Netzwerke aus Bekannten und Freunden. Maßgeblich entscheidend für ihren Erfolg sind in jedem Fall die Netzwerke, die sie in Neubeuern knüpfen, und der Zugriff auf das Altschüler-Netzwerk der Schule.<< Außerdem seien die Schüler aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung sehr fit, wenn es in Auswahlgespräche ginge. Trotz ihrer mittelmäßigen Leistungen würden es viele an die privaten BWL-Hochschulen schaffen.“

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Schulradar: Notengebung in der Schule Schloss Salem
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http://internat-lucius.de/internat/hausaufgabenbetreuung/
Schulprobleme  w i r k l i c h  lösen (U. Lange)
Berichte aus einem bayrischen Internat