Eliteinternate: Auswahl der Besten?

Elite bedeutet "Auswahl der Besten". Institute, die nicht nur in der ver- öffentlichten Meinung als Elite-Internate gehandelt werden, sondern sich auch selbst als solche vermarkten, müssten also - je nach der ihrem Konzept zu Grunde liegenden Elitedefinition - bei der Schüleraufnahme besonders strenge Maßstäbe anlegen. Aber werden  Eliteinternate dieser Erwartung gerecht? Bie- ten sie einer anspruchsvollen Kundschaft ein Umfeld handverlesener Muster- kinder?

Um die Antwort gleich vorweg zu nehmen: Wer erwartet, in den sog. Eliteinternaten eine homogene Auswahl von jungen Menschen mit besten Schulleistungen oder anderen exzellenten Fähigkeiten anzutreffen, die zudem durch vorbildliches Verhalten Ehre einlegen für ihre noblen Bildungsstätten, wird bitter enttäuscht. Gemessen an dem Maßstab der Schülerqualität sind Eliteinternate eine reine Lachnummer. Woran liegt das?

 
Unscharfer Elitebegriff
 
"Die allgemeinste Vorstellung von Eliten", schreibt Viktoria Kaina in ihrem Aufsatz "Deutschlands Eliten zwischen Kontinuität und Wandel",  "zielt auf Minderheiten von Personen, die sich in einem Prozess der Auslese und Konkurrenz herausgebildet haben, der ihre herausgehobene Stellung in der Gesellschaft zugleich rechtfertigt und begründet." Es sei aber trotz einer bis in alttestamentarische Zeiten zurückverfolgbaren Geschichte dieser Begriffsdefinition bis heute "kein Konsens darüber gefunden" worden, wer nun genau " zu den Eliten einer Gesellschaft" zähle und "warum jemand zum Mitglied dieses Kreises" werde. Insbesondere herrsche Uneinigkeit darüber, "was eine Person zum Angehörigen einer Elite" qualifiziere:
 
"Sind Leistung oder Erfolg maßgeblich, Reputation oder Selbstzuschreibung, Bildung oder Expertenwissen? Bestimmen Eigentum und Besitz, Herkunft und Stand darüber, wer zu den Eliten gehört? Möglicherweise ist auch ein bestimmtes Wertebewusstsein das zentrale Merkmal, auf dem der Elitestatus beruht. Oder sind es die Mächtigen einer Gesellschaft, die jenen Personenkreis definieren, der als Elite bezeichnet wird?"
 
Der Elitebegriff sog. Eliteinternate ist außerordentlich schillernd, ja geradezu irrlichternd. In den seltensten Fällen wird wirklich deutlich, welche Vorstellungen den Gründungsintentionen, pädagogischen Leitbildern, Zweckbestimmungen usw. der "Elite-Internate" zu Grunde liegen. Unklarheit herrscht auch darüber, inwieweit es sich bei ihren elitären Leitbildern um Voraussetzungen für die Aufnahme der "richtigen Schüler" (13:42) oder um das erst durch den Internatsaufenthalt zu erreichende Ideal ("Charakter-bildung", eine spätere Führungsposition in der Wirtschaft  usw.) handelt. Schließlich bleibt auch im Ungefähren, welches genau die Methoden einer elitären Erziehung seien und woran ihr Erfolg gemessen werden kann. Es fehlt z.B. an verbindlichen Aussagen darüber, welche Merkmale der Persönlichkeit ("Schliff"), welche Werthaltungen oder welcher berufliche Status die Absolventen am Ende als Schüler eines bestimmten Eliteinstituts identifizierbar macht. Gilt etwa das Erreichen von Führungspositionen und Spitzenjobs in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur usw. schon als Indikator einer im Sinne des betreffenden Instituts erfolgreichen Erziehung? Immerhin verweisen Salem & Co. immer wieder gern auf "berühmte Schüler" oder Ehemalige, die "etwas Besonderes geleistet" haben. Offen bleibt zuletzt auch, ob die jeweils genannten Aufnahmekriterien wie hohe Intelligenz, besondere Leistungsfähigkeit, "Potenzial", Verantwortungsbe- reitschaft, gute Schulnoten, vorbildliches Sozialverhalten, Neugier, "etwas Neues auszuprobieren", Engagement für die Gemeinschaft usw. im strengen Sinne selektiv eingesetzt oder eher "flexibel" und kompromisslerisch, d.h. je nach "Kassenlage", temporärer Schülernachfrage usw.,  gehandhabt werden.
 
Der am ehesten "opportunistisch" zu nennende Umgang der Internatswerbung und Internatspublizistik mit dem Elitebegriff scheint etwas mit der Sonderrolle des Internats im Erziehungs- und Bildungswesen zu tun zu haben. Die Anbieter von Internatserziehung - und das trifft nicht nur auf private, sondern auch auf staatliche Institute zu - befinden sich in einem harten Wettbewerb auf einem freien Markt, auf dem die Nachfrage schwächelt und die Kundenbindung  immer schwieriger wird. Denn angesichts des flächendeckenden Angebots öffentlicher Schulen, eines Gründungsbooms bei den Privaten (ohne Internat!) und des zügigen Ausbaus der Ganztagsbetreuung    m u s s  niemand ins Internat. Wer als Normal- und selbst als Hochbegabter weder gravierende Lernschwierigkeiten hat noch unter Verhaltens- oder Persönlichkeitsstörungen leidet, wohnt - ganz ohne die systembedingten Nachteile eines Internats - angenehmer bei den Eltern und besucht mit Gewinn eine örtliche öffentliche oder private Tages- bzw. Ganztagsschule. Nachmittägliche Betreuungsangebote stellen für viele Berufstätige und Alleinerziehende mit unauffälligem Nachwuchs eine gute Internatsalternative zu vergleichsweise geringeren Kosten dar. Zudem entfallen für Eltern wie für Schüler typische Risikofaktoren, die in Vollinternaten nachweislich ausgeprägter sind als in der Tages- oder Ganztagsschule; als da wären Drogenprobleme oder Stress mit unangepassten Internatskameraden, Mobbing (in englischen Internaten als Bullying bekannt), physische und psychische Gewalt sowie sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gerwalt (übrigens mittlerweile eher von  Schüler- als von Lehrerseite!). Wo Familien erzieherisch versagen oder durch schwere Krankheit und Tod ausfallen, kommen traditionell auch "Maßnahmen" der "öffentlichen Erziehung" - von der Pflegefamilie über die betreute Wohngruppe bis zum heilpädagogischen Heim - in Betracht, die häufig mit besseren therapeutischen Konzepten und qualifizierterem Personal aufwarten. Dass Jugendämter Problemfälle auch gern in Luxusinternaten unterbringen, deren Kostensätze immer noch günstiger sind als die klassischer Heimeinrichtungen, sei hier nur am Rande erwähnt. Und auch dies spricht, Harry Potter hin oder her, nicht gerade für das "Erlebnis Internat", sondern erhöht die ohnehin vorhandenen Gefahren offenbar beträchtlich.
 
Internate, die vor diesem Hintergrund besondere Anforderungen an die Aufnahmekandidaten stellen wollen, manövrieren sich schnell ins Abseits. Da muss man das Ohr dicht an den jeweiligen Nachfragetrends haben. Ist noch ein "Zurück zu Zucht und Ordnung" angesagt oder geht es darum, gekonnt zwischen dem Loblied der Disziplin und chilliger Gelassenheit zu lavieren? Lässt sich der PISA-Schock noch im Sinne höherer Leistungsanforderungen ausschlachten oder müssen eher G8-Geschädigte mit pädagogischen Wellness-Programmen gepampert werden? Lässt sich noch die Abstiegshysterie der Mittelschicht mobilisieren und "Zugehörigkeit zur Elite" verkaufen oder dämpft der demografische Wandel die Zukunftsängste? Immer heißt es geschmeidig sein und denselben Wein in immer neuen Schläuchen verkaufen. Einen festen Standpunkt und Prinzipientreue können sich offensichtlich gerade die nicht leisten, die am lautesten von Charakterbildung und fundamentalen Werten reden.  
 
Alles Elite oder was?
 
Der Elitebegriff ist seit Mitte der 1990er Jahre wieder gesellschaftsfähig geworden. Auch und gerade im Bildungsbereich. Allgemein spricht man von "Elitisierung". Damit sind allerdings nicht "Elite für alle" oder "Privatschulbedingungen für alle" gemeint, sondern das  Gegenteil: Durch fortschreitende Privatisierung der Bildung soll die soziale Selektion verschärft werden wie schon bei der Krankenkasse. Wer bessere Behandlung, pardon: Bildung will, muss "Privatpatient" werden. Im Fall von Edelinternaten wie Schloss Salem & Co., deren Schüler sich selbst zur "Verantwortungselite" erklären, ist Letzteres durchaus wörtlich zu nehmen. So fand die Journalistin Julia Friedrichs es nach einem Besuch der vermeintlichen Eliteinternate Schloss Neubeuern und Schloss Salem "merkwürdig [...], dass Edelinternate, die pro Monat 3000 Euro Gebühren kosten, hauptsächlich Schüler aufnehmen, die an staatlichen Schulen längst gescheitert sind":  
 
"Was mich stört, dass diese Internate nicht formulieren: Wir sind sehr gute Schulen für Kinder wohlhabender Eltern, die bei uns beste Betreuung bekommen, sondern die Internate formulieren, bei uns wächst eine Verantwortungselite heran. Das passt halt nicht zusammen: Wieso sollen Schüler, die eine durchschnittliche Leistung erbringen und das Glück haben, aus einer wohlhabenden Familie zu kommen, wieso sollen die eine Verantwortungselite sein und andere nicht?"
 
Welche der rund 350 deutschen Internatsschulen und Schülerheime für Schüler allgemeinbildender Regelschulen sich das Elite-Label anheften dürfen, ist durch keinerlei Zulassungsverfahren geregelt. Einen "Elite-TÜV" gibt es nicht. Durch inflationären Gebrauch wird der Elitebegriff beliebig und letztlich unglaubwürdig. Ein staatlich genehmigtes privates Mini-Gymnasium für Kinder mit Legasthenie und ADHS bei München trieb den Elite-Hype auf die Spitze, indem es sich als Internat für eine "verhinderte Elite" präsentierte. Und Otto Gademann, der Leiter des St. Gallener "Instituts auf dem Rosenberg" (der Berliner Tagesspiegel titelte: "Wo das Geld zur Schule geht") simplifizierte den Elitebegriff laut Zitat einer PR-Agentur (Seitentitel: "Internatsschulen boomen: Zusammen sein, das ist Elite") bis zur Unkenntlichkeit, indem er ihn auf die schlichte Formel brachte:
 
 „Wenn die Kinder zu acht oder neun gemeinsam leben, dann ist das eine Elite."
 
Und was für eine. Ex-Rosenberg-Schülerin Chiara Ohoven, Tochter der Unesco-Sonderbotschafterin und Charity-Lady Ute Ohoven,  beschreibt die St. Gallener Schülerelite laut Berliner Zeitung wie folgt:
 
"Es gibt da über 50 Kameras. Du kannst nichts unbeobachtet tun. Sie haben da wirklich 250 pubertäre, sehr wohlhabende Kiddis, die eine Menge Scheiße im Hirn haben."
 
Die schweizerischen Nobelinstitute, die viel eindeutiger als die deutschen die Funktion der Reproduktion gesellschaftlicher Eliten "jenseits der Leistungsgesellschaft" erfüllen, hatten ihren "guten Ruf" bereits eingebüßt, bevor die Aufdeckung zahlreicher Fälle von inflationärem sexuellen Missbrauch in kirchlichen und weltlichen Elite-Instituten seit 2010 zu einer  fortschreitenden Entwertung des Begriffs "Eliteinternat" auch in der Bundesrepublik führte. Das öffentliche Ansehen von Elite-Internaten und damit auch das ihrer Kundschaft ist erst einmal dahin. Selbst in Salem, Deutschlands "berühmtestem Internat" (FOCUS.de), backt man angesichts rückläufiger Schülerzahlen jetzt "kleinere Brötchen" (DIE ZEIT). Dennoch wird nach wie vor die Parole in Umlauf gesetzt, Salem & Co. seien besonders für Eltern und Schüler attraktiv, die "Zugehörigkeit zur Elite" suchten. Und dank des gesteuerten Kampagnen-Journalismus eines Großteils der Presse wird immer noch oder schon wieder ein weitgehend verklärtes Bild der Internate verbreitet, als sei nichts geschehen und die schöne Elite-Welt noch in Ordnung. Besonders anfällig hierfür scheint die Mittelschicht, die folgerichtig zur "neuen Zielgruppe" der mittlerweile um jeden Schüler kämpfenden Luxusinternate erklärt wurde. Ihre Verführbarkeit gegenüber Karriereversprechen, die an "Zugehörigkeit zur Elite" geknüpft sind, beruht auf ihrer Aufstiegsorientierung bei gleichzeitiger Abstiegsangst, die sich angesichts gesellschaftlicher Fehlentwicklungen und eines (teilweise sicherlich auch politisch gewollten) Ansehensverlustes der öffentlichen Schule schnell zur "Wutangst" aufschaukelt und die von ihr Besessenen zu geradezu fanatischen Verfechtern "privater Alternativen" à la Eliteinternat macht. "Hurra, wir dürfen zahlen!"  Die Neigung der Mittelschicht zum Selbstbetrug macht sie auch hier zum verlässlichen Bündnispartner. Obwohl selbst nicht vermögend, sieht sich die Mittelschicht fälschlich in der Nähe der Oberschicht, die sich auf ihre Kosten bereichert. Durch Besuch von Eliteinternaten und Privatschulen glaubt sie sich von "den Armen" abgrenzen zu können. Sie identifiziert sich "nach oben", statt sich nach "unten" zu solidarisieren, und sorgt so selbst für ihren weiteren Abstieg. Die Werbung von Luxusinternaten fällt bei der Mittelschicht deshalb auf besonders fruchtbaren Boden, weil sie einerseits die Erfahrung macht, dass aufgrund der Jahrzehnte andauernden Expansion der höheren Bildung Klassenerhalt oder sozialer Aufstieg durch gute Bildung allein nicht mehr gewährleistet sind. Ihr einzureden, dass man zusätzlich ein Netzwerk von Beziehungen brauche, das über den Besuch Luxusinternate geknüpft werden könne, ist vor diesem Hintergrund nicht schwer.  
 
 
In der Realität angekommen
 
Hat der abstiegsängstliche Wutbürger sich erst einmal das Motto des Esels in dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten - "Etwas Besseres als den Tod findest du überall!" - zu eigen gemacht, lässt er sich auch nicht durch kritische Informationen irritieren, die Zweifel an der Qualität sog. Eliteinternate - vor allem was die "richtige Schülerauswahl" angeht - wecken müssten. Dabei könnte er auf Beispiele wie diese stoßen:
 
"In der DDR flog der runter, der nichts draufhatte. Das war konsequent. Und heute? Da sind in einer Klasse höchstens zehn Prozent Leistungssportler", sagte die 42-jährige Fischer der "Sport Bild" zum Thema Sportschulen. "Mein Sohn war auf einer solchen Eliteschule des Sports. Die stehen auf dem Schulhof, rauchen und kiffen. Die Nicht-Leistungssportler ziehen die anderen mit runter." (Quelle)
 
von ehemalsmama 27.10.2011 20:17
"Es entstand bei uns teilweise der Einruck, dass Kinder ihren Eltern zuliebe dort sind und Karriere machen. Oder, weil sie einfach aus den unterschiedlichsten Gruenden von zuhause weg wollten.[...] Es gibt kaum Schmierereien, die Schule ist sauber, von Gewalt hoert man wenig. Allerdings auch keine Tuerken, Araber, oder aehnliche Gruppen mit Migrationshintergrund. Dafuer viel Narrenfreiheit fuer sportliche Leuchten und eine Menge Kids, die in anderen Schulen wegen Zappelei o.aehnlichen Stoerungen auffaellig waren oder waeren. [...] Tja, und man ist drin in dem System, sowie das Kind aufgenommen wurde: ploetzlich verselbstaendigt sich vieles, weil man Dinge geschehen laesst, die man vorher fuer undenkbar hielt. Weil das Kind selbst dort Blut geleckt hat, mit und dabei sein will in dieser Riesentraumfabrik. Elite eben...und alles nur fuer diese Anerkennung von Aussen.
Was passiert hier eigentlich? Wer redet ueber vollkommen kaputte Knie von 14- jaehrigen Fussballerinnen, ueber kaputte Sehnen und Baender bei viel zu jungen Judokas? Ueber die vielen koerperlichen Malessen viel zu junger und uebertrainierter HERANWACHSENDER? Wo waechst die Seele mit und der dauergeschundene Koerper, wer troestet und kuschelt mal mit den Kids nach so einem Mammuttag? Erzieher? Doch nicht wirklich, das waere auch ein verfehlter Anspruch....welcher Erzieher weiss denn wirklich, was geht, auch zuhause, die die sich wirklich interessieren und nicht auf irgendeiner Etage Tee trinken. Was ist denn mit der inoffiziellen Abschiedsfeier, rund um den Bereich Sportschuele findet man regelmaessig am letzten Montag im Schuljahr derartige Schnapsleichen und DAS weiss auch die Schul- und Wohnheimsleitung. Da werden schon mal sehr juge Sportler ins Wohnheim getragen, das habe ich selbst gesehen, da muss der Notarzt kommen".
 
von Mutter einer ehemaligen Sportschülerin 27.10.2011 21:53
"DANKE, ehemalsmama!!!! Es ist genauso und das ist die WAHRHEIT! Ich hätte es nicht besser schreiben können. Es muss an die Öffentlichkeit, wie der Alltag dort an der Potsdamer "Elite"- Schule aussieht.... mit all seinen Trainern, Erziehern, Lehrern, der Wohnheimleitung und der Schulleitung! Und es ist sehr, sehr traurig wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, eine Gesellschaft ohne WERTE!" 
(Quelle)
 
 
"Die Leistungsträger unter den Schülern, die sich in den sozialen Diensten engagieren, Schulsprecher sind oder im Schülerrat mitmachen, sind in der Regel Stipendiaten. Etwa ein Drittel der Schüler bekommt ein Stipendium. Sie werden sorgfältig ausgewählt. Wer jedoch voll zahlt, wird unbesehen genommen. Man wirbt um die „Vollzahler“, denn sie sichern den Bestand der Schule, und mit ihren Gebühren bringen sie auch die Kosten für die Stipendiaten auf.
In puncto Leistungsverteilung ist es in Salem genau umgekehrt wie an anderen Schulen: Hier gibt es nicht die übliche Normalverteilung mit viel Durchschnitt, wenigen Spitzen und ein paar Versagern, sondern mehr Extreme: Hohe Leistungen und diejenigen, die durchgeschleppt werden müssen.
"
(Quelle)
 
"In Salem gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen den Stipendiaten und den andren Schülern (Weder die Schulsprecher, noch der Ess-Saal-Kaptiän sind Stipendiaten). Jeder Schüler, ob Stipendiat oder nicht-Stipendiat engagiert sich für die Schule, manche mehr und manche weniger, doch es gibt keine zwei Gruppen von Schülern. Außerdem kann man nicht immer im Allgemeinen sagen, dass Stipendiaten gute Schüler sind! Die Stipendiaten werden weder missbraucht, noch sind sie immer die Klassenbesten. [...] Mit freundlichen Grüßen, eine in Salem glückliche Schülerin". (Quelle)
 
"Die Bewerber um die jährlich zu vergebenden 25 Plätze in der 9. Klasse werden im viertägigen 'Landexamen' getestet, Zugangsvoraussetzung ist in der Regel ein Schnitt von mindestens 2,0 in der 8. Klasse und ein Empfehlungsschreiben des örtlichen Pfarrers.
Maulbronn setzt statt Werbung auf Familientradition: Vater, Mutter, Onkel oder Tanten sind oft Ex-Seminaristen, nicht selten Pfarrer oder Lehrer. Seine Schüler bezeichnet Küenzlen als 'Bildungselite'. Sie sollen in Maulbronn durch nichts am Lernen gehindert werden, schon gar nicht durch das Auffangen gesellschaftlicher Missstände in Form von Mitschülern. Der Tag hinter den dicken Klostermauern (Unesco-Weltkulturerbe) ist straff organisiert: Er beginnt um 6.50 Uhr mit Frühstück und Andacht, geht weiter mit Unterricht, Mittagessen, Unterricht, Arbeitszeit, Musikstunden oder Chor, Abendessen.
Um halb zehn abends muss jeder Seminarist in seinem Wohntrakt sein, um 22 Uhr geht in den Mehrbettzimmern das Licht aus. Die Eleven nehmen den Stress mit Humor: "Wenn du hier allein sein willst, musst du aufs Klo."
[...] Aber selbst diese Musterschüler sind in der Phase, 'wo aus dem braven Hänschen der wilde Hans wird', wie der Ephorus formuliert. Er war selbst mal hier und kennt alle Schleichwege rund um die drei Todsünden, die in Deutschlands Internaten meist zum Rausschmiss führen: Auszusteigen und, noch schlimmer, beim anderen Geschlecht einzusteigen sind zwei von ihnen. Die Dritte besteht im Konsum von Drogen. Alkohol zählen fast alle Internatsbetreiber dazu. Ab 22 Uhr werden deshalb, zur Vereinfachung der Kontrolle, Deutsch- lands Internate zum Knast. Dienstagabends, wenn seine Schützlinge zugunsten eines Hilfsprojekts auf das Abendessen verzichten, setzt Ephorus Küenzlen sich in die örtliche Pizzeria und beobachtet den Pächter beim Entgegennehmen nächtlicher Hungernotrufe. Bald darauf drückt sich der Pizzabäcker schwer bepackt am Rektor vorbei, läuft über den Innenhof der Klosteranlage und füllt einen an der Mauer heruntergelassenen Korb." (Quelle: Stern vom 02. 01. 2009, Seite 84-96).
 
"Von 'normalen' Problemen anderer Internate oder Schulen ist auch das Vorzeigegymnasium nicht frei. Es sind immer Einzelfälle, aber Schüler berichten von Drogen, Alkohol, Diebstahl, Mobbing, autistischen Kindern und vom Ritzen der eigenen Haut unter psychischem Druck. Im Mai drohte ein fast Achtzehnjähriger im Internet mit einem Amoklauf, scherzhaft zwar, aber von der Schulleitung sehr ernst genommen. [...] Die Zahl der Bewerber schwankte stets [...]. Seit 2009 sinkt sie stetig und liegt in diesem Jahr noch bei 77 für die knapp 50 Plätze pro Jahrgang. Seit 2008 ist auch der Abiturdurchschnitt leicht von 1,6 auf 1,8 gesunken. Schwerer wiegt der angeschlagene Ruf. 'In Sachsen laufen die Spezialgymnasien mit vertiefter Ausbildung St. Afra inzwischen den Rang ab', stellt Frank Haubitz als Vorsitzender des Philologenverbandes fest. [...] Ob die aufgenommenen Kinder wirklich immer Mehrfach-Hochbegabte sind, bezweifeln inzwischen auch Mitschüler. Es fällt auf, dass unter ihnen zunehmend Kinder von Ministerialbeamten sind - etwa der Sohn des Regierungssprechers. Aber auch solche Schüler sind neuerdings nicht vor dem Sitzenbleiben gefeit." (Quelle)

NGZ-Interview mit  Johannes Gillrath, seit dem 1. August 2011 neuer Schulleiter am katholischen Norbert-Gymnasium Knechtsteden, Eliteschule des Sports (15.12.2011)
 
"Gillrath: Seit ich da bin, habe ich festgestellt, dass einige Jahrgangsstufen zu sorglos mit den Räumen umgehen. Mir fehlt die Wert- schätzung des Reinigungspersonals. Jeder von uns macht Dreck, aber ich habe ein Problem, wenn ältere Menschen den Müll der Schüler aufheben müssen.
Deshalb haben sie die Mensa als Aufenthaltsort dicht gemacht?
Gillrath: Ich habe mehrere freundliche Durchsagen gemacht und einen Brief geschrieben. Als keine Reaktion kam, habe ich die Mensa, die seit letzten Freitag wieder offen ist, vorübergehend geschlossen, um ein Zeichen zu setzen.
Hat Sie der heftige Protest überrascht?
Gillrath: Ich fand das nicht dramatisch, ich kannte eine so luxuriöse Situation wie hier gar nicht. Leider hat die Schülerschaft nicht das Gespräch mit mir oder jemand anderem aus der Schulleitung gesucht. Das aber erwarte ich von jedem, der unzufrieden ist. [...]
Sind die Kinder überfordert?
Gillrath: Ja, deutlich. Auch wir haben Schüler mit Magersucht, Abhängigkeit von Medien und Verwahrlosung. Das gibt's überall, ganz massiv. Deshalb brauchen wir einen Therapeuten und Sozialarbeiter für schwere Fälle."
(Quelle)
 
"Es war ein Tag im November, als in Louisenlund, Schloss an der Schlei und traditionsreiche Stätte gehobener Internatserziehung, die Revolution ausbrach. Schüler riefen 'Chaos-Tage' aus, blieben dem Unterricht fern und zogen zu nächtlicher Stunde mit Fackeln ums Schloss. Lehrer, so hört man, sympathisierten. Drei Tage lang ging nichts mehr.
Der Anlass der Unruhen: Louisenlund hat einen neuen Schulleiter. Werner Esser, einst Salem-Pädagoge und zuletzt Leiter des staatlichen sächsischen Hochbegabten-Gymnasiums Sankt Afra in Meißen, ist angetreten, das akademische Niveau zu heben.
Kein kleiner Schock für die Anhänger der Louisenlunder Internatspädagogik. Das feine Institut orientiert sich an den Ideen Kurt Hahns, der 1920 in Salem die Landerziehungsbewegung ins Leben rief. Louisenlunder lernen Kuttersegeln, schulen ihren Gemeinschaftssinn bei der Feuerwehr und engagieren sich in allerlei 'Gilden' - vom Politikprojekt bis zum Theaterspiel. Mit Essers Amtsantritt drohte ein Kulturkampf im Nobelinternat: Schüler und Teile der Lehrerschaft sahen die Traditionen verraten, fürchteten strammen Drill statt ganzheitlicher Erziehung. Doch ein Zurück zur alten Idylle ist nicht in Sicht. Ingeborg Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg höchstselbst, Vorstandsvorsitzende der das Internat tragenden Stiftung, hat den neuen Kurs angeordnet. Denn in Louisenlund blieben Plätze frei." (Quelle)
 
dpa-Meldung vom
 
"Qualität statt Quantität ist das Motto des neuen Leiters am Eliteinternat Salem am Bodensee. "Ich habe beim Auswahlprozess der neuen Schüler darauf bestanden, dass man Wert legt auf Qualität, auch wenn nun dadurch ein paar Betten leerbleiben", sagte Bernd Westermeyer in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. 130 Bewerber seien für dieses Schuljahr abgelehnt worden, obwohl noch etwa 30 Plätze besetzt werden könnten. "Wir stehen nicht zur Verfügung als Hafen für solche, die problembeladen, aber mit Geld daherkommen." (Quelle)
Es bestätigt sich im Großen und Ganzen die Annahme, dass die Rigidität, mit der die Bewerber von Eliteinternaten ausgelesen werden, von der jeweiligen Nachfragesituation abhängig ist. Zudem scheint es eine Tendenz seitens der Eltern zu geben, die Bemühungen der Internate um eine "Auswahl der Besten" dadurch zu unterlaufen, dass sie ihren Nachwuchs aus Prestigegründen immer genau dort unterzubringen versuchen, wo "strenge Aufnahmebedingungen" herrschen. Und zwar - getreu dem Wahlspruch des Zynikers Oscar Wilde: "Einem Club, der mich aufnehmen würde, würde ich nie beitreten!" - auch oder gerade dann, wenn das Kind diese Bedingungen nicht erfüllt.
Zögerlicher Aufnahmebereitschaft der immer spendenhungrigen Schuloberen - so hört man immer wieder - kann notfalls mit einer großzügigen geldlichen Zuwendung nachgeholfen werden. Infolgedessen ist die Schülerschaft von Elite-Internaten bestenfalls als "gemischt" zu beschreiben. Und Versuche, bestimmte Prinzipien oder Anforderungen gegen die Schüler- und Elternschaft durchzusetzen, stoßen im Regelfall auf massive Proteste. Konzeptionelle Besonderheiten oder gar Ambitionen lässt man sich nur so lange gefallen, wie der elitäre Schein gewahrt bleibt, der der zahlenden Kundschaft zur narzisstischen Selbstaufwertung verhilft. Wer aber die offiziell verkündeten Werte und Prinzipien tatsächlich einfordert und durchzusetzen versucht, greift in ein Wespennest. Denn für die Oberklasse, die preislich exklusive Sonderschulen am Leben hält, ist das Doppelleben zwischen Schein und Sein traditionell oberstes Lebensprinzip. Da möchte man sich den dekadenten Lebensgenuss durch die Forderungen prinzipienreiterischer Pädagogen nach Disziplin und einem asketischen Lebensstil nicht verderben lassen. Nicht zufällig hat der langjährige Leiter der Schule Schloss Salem, Bernhard Bueb, seine Streitschrift "Lob der Disziplin" erst veröffentlicht, nachdem er aus seiner Leitungsfunktion ausgeschieden war. Und unter seinen häufig wechselden Nachfolgern wurde ganz schnell zurückgerudert, um die noble Zahlkundschaft nicht zu verprellen.
 
Elitäre Rhetorik, ernüchternde Praxis
 
In Wirklichkeit geht es bei Salem und Co. gar nicht darum, eine neue Führungsschicht hervorzubringen, die die Herausforderungen der Zukunft besser meistert als die alte. Die elitäre Rhetorik ihrer Gründer kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass "freie Bildung" auf einem "freien Markt" zu allererst den Marktgesetzen unterliegt und daher alles andere als frei ist. Im Fall von Salem & Co. okupierte die Zahlkundschaft diese "Eliteschulen" kurzerhand, um ihren oft minderbegabten oder psychisch kranken Nachkommen ihre gesellschaftlichen Privilegien zu erhalten. Elitär und hochselektiv war das öffentliche Gymnasium. Da wurden Problemlösungen für diejenigen gesucht, die ausgesondert wurden, und nicht weitere Eliteschulen, die sich für die Aussonderung der Ungeeigneten auch noch gesondert bezahlen ließen. Salem & Co waren die Rettung für diejenigen, die Geld genug hatten, um die Ende des 19. Jahrhunderts erheblich verschärften Anforderungen für akademische Berufe in privat finanzierten pädagogischen Sanatorien zu umgehen. Hierzu gehörten nicht zuletzt die Sprösslinge des Adels, der bis ins 19. Jahrhundert hinein das Privileg des Hochschulzugangs ohne Abitur besessen hatte, sich nun aber den allgemeinen Zugangsvoraussetzungen für das Hochschulstudium unterwerfen musste.
 
Dementsprechend waren sie nie die "Speerspitze einer Erneuerung des Bildungswesens" im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, als die sie sich bis heute gern darstellen. Die Aufgabe der Modernisierung der Schule erfüllten vor allem zahlreiche Reformbestrebungen innerhalb des von den Landheimgründungen bis heute verächtlich betrachteten staatlichen Schulwesens. Allein die "Verstaatlichung" des bis dahin überwiegend privaten höheren Schulwesens und die Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses stellten schon einen erheblichen Fortschritt dar. Dass private Schulexperimente einzelner zum Teil recht kauziger Reformpädagogen dem staatlichen Schulwesen die entscheidenden Moder- nisierungsimpulse gegeben hätten, gehört in den Bereich der Legendenbildung, der leider die fachwissenschaftliche Geschichtsschreibung in weitem Umfang auf den Leim gegangen ist.
 
Prof. Jürgen Oelkers hat erst kürzlich nachgewiesen, dass der Anspruch der Landerziehungsheime, eine Sonderstellung bei der Reform des Bildungswesens einzunehmen, auf systematischer Geschichtsfälschung beruht:
 
"Der anfängliche Markt dieser Schulen waren oft Eltern, die nicht die große Alternative der Erziehung suchten, sondern eine Möglichkeit, ihre Söhne doch noch zum Abitur zu führen. Solche Schulen gab es im Kaiserreich dutzendfach, ohne dass sie sich mit einer besonderen Aura umgeben hätten. Die Landerziehungsheime schafften es, ein eigentlich sehr profanes Nischenprodukt mit einem Geniekult zu umgeben, der alle anderen Schulen schlecht aussehen ließ. Dieser Überlegenheitsgestus war immer arrogant und durch nichts gerechtfertigt. Das reine Bild der großen Alternative musste um jeden Preis gewahrt werden, weil das die Nachfrage sicherte."
 
Teil dieser Geschichtsfälschung ist es, dass man als angebliches Vorbild der Landerziehungsheime das 1889 von dem obskuren Lebensreformer Cecil Reddie in Abbotsholme (engl. Grafschaft Staffordshire) gegründete Knabeninternat herausgestellte. Hauptsächliche Vorläuferin der späteren Gründungen von Lietz, Geheeb usw. war aber das 1890 von dem Bremer Volksschullehrer Johannes Trüper gegründete "Heim für entwicklungsgeschädigte und -gestörte Kinder" auf der Sophienhöhe bei Jena, in dem zahlreiche Landerziehungsheimgründer praktische Erfahrungen gesammelt hatten, bevor sie ihre eigenen "Heime" gründeten. Trüper, der sich explizit als "Spiritus Rector" der Landerziehungsheimbewegung verstand, schickte seine jugendlichen Patienten sehr häufig im Anschluss an ihre Behandlung zur weiteren Beschulung in die neu entstandenen Landerziehungsheime, die nur in ihrer Rhetorik "elitär" auftraten und das englische Vorbild bemühten, in ihrer Praxis jedoch von Anfang an eher sozialtherapeutische Aufgaben erfüllten. So stellte der Arzt und Heilpädagoge Prof. Eugen von Düring in seinem 1925 erschienenen Werk „Grundlagen und Grundsätze der Heilpädagogik“ fest: 
 
„Eine eigenartige Beobachtung kann man in Landerziehungsheimen machen. Bestimmt ist doch nur ein Teil der Zöglinge deshalb in diesen Heimen, weil die Grundsätze der Erziehung den Grundsätzen der Eltern entsprechen. Der größere Teil ist dort, weil die häuslichen Verhältnisse Erziehungsschwierigkeiten in sich bergen, in irgendeinem Sinne, oder weil die Kinder Erziehungsschwierigkeiten machen“ (Ernst v. Düring: Grundlagen und Grundsätze der Heilpädagogik. Erlenbach-Zürich 1925, S. 272).  

Helmut Becker schrieb anlässlich des Todes von Kurt Hahn, des Gründers der Internatsschule Schloss Salem und Initiators der Landerziehungsheimgründungen Birklehof und Louisenlund, im Jahr 1974, dieser habe - trotz manch widersprücher Aussagen - ausdrücklich keine Eliteschulen angestrebt. Ihm sei auch bewusst gewesen, "daß man den Charakter nicht an eigens geschaffenen Institutionen, sondern an theoretischen und praktischen Aufgaben" bilde. Seine "wesentlichen Antriebskräfte" seien "die unentwegte Sorge um Gerechtigkeit" und "die Hilfe für den im Augenblick Schwachen" gewesen:

"Sein Kampf gegen die herkömmliche Form des Unterrichtens war ein Kampf gegen die darin liegende Ungerechtigkeit, und sein erzieherisches Mitleid war so stark, daß er für die hoffnungslosesten Erziehungslagen eine Lösung zu finden entschlossen war und meistens auch fand."

Vor diesem Hintergrund wirken der Anspruch der heutigen Repräsentanten der Landerziehungsheime und vergleichbarer Nobelschulen, in ihren Instituten durch Charakterbildung eine Verantwortungselite heranzuziehen, und erst recht die neue Ausrichtung am Leistungsbegriff der Funktionseliten, befremdlich und peinlich. Mehr zu bieten als eben diese Sonderbeschulung für Problemkinder aus "gutem Haus", erscheint gegen die normative Kraft des Faktischen damals wie heute gar nicht möglich (gewesen) zu sein. Die Journalistin Julia Friedrichs schreibt nach einem Besuch der Landerziehungsheime Schloss Neubeuern und Schloss Salem vor wenigen Jahren (vergl. Julia Friedrichs: Gestatten: Elite, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008), man müsse den Eindruck gewinnen, dass es dort wie auch an privaten "Elite-Universitäten" nicht darum gehe, eine wirkliche Leistungselite zu fördern, die Potenziale habe, sondern eine Art neuen Adel zu begründen: Kinder der Geldaristokratie, die über sozial exklusive private Bildungseinrichtungen gleich auf der "Überholspur" starten sollten, ohne sich dem Wettbewerb mit den Aufsteigern aus dem niederen Volk aussetzen zu müssen. Wo es um Privilegien der Oberschicht gehe, werde der Elitebegriff schnell diffus, werde "Leistung" relativiert. Zitat:

> Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es selbstverständlich, dass seine Schüler trotz schlechterer Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein, wie er sagte, "1,0-Abiturient von einem staatlichen Gymnasium". [...] Man kreiert eine Gemeinschaft, einen Corpsgeist, und knüpft Seilschaften, die ein Leben lang halten. Was den Burschenschaftlern ihre 'Alten Herren' sind, sind den Netzwerkern die Alumni: Karrierekatalysatoren, die helfen, dass Einfluss und Posten im Netzwerk, also 'in der Familie' bleiben.<

 
Eliten müssen sein, Eliteschulen nicht.
 
Gemessen an den Erfordernissen der Elitebildung in einer demokratischen Leistungsgesellschaft sind "Elite"-Internate vom Schlage Salem & Co überflüssig wie ein Kropf. Die dort vertretenen Elite-Vorstellungen sind eindeutig rückwärtsgewand. Mit ihnen verbindet sich das reaktionäre Programm einer Refeudalisierung der Gesellschaft durch Privatisierung der Bildung. Aber auch staatliche Eliteinternate, die sozial wesentlich weniger selektiv sind, lassen sich weder pädagogisch noch politisch rechtfertigen, auch wenn sie zumeist mit dem Auftrag der Hochbegabtenförderung ausgestattet sind. Selbst sie scheinen kaum geeignet, die Gesellschaft mit den Funktionseliten auszustatten, die diese tatsächlich benötigt.
 
Warum das so ist, hat der Personalberater Dr. Stefan Fourier in seinem Plädoyer für neue Eliten überzeugend dargelegt. Elite könne sich nicht selbst definieren. Wenn jemand von sich sage, dass er zur Elite gehöre, berühre dies eher peinlich. Die Vorstellung von Elite bilde sich im Bewusstsein eines gesellschaftlichen Systems oder Subsystems heraus, bei der  Mafia ebenso wie in der Kirche. Der Elitebegriff beziehe sich jeweils nur auf das einzelne System oder Subsystem. Hier erfüllten Eliten ganz bestimmte Funktionen. Sie gäben Sinn und setzten Maßstäbe. Selbst an jeder einzelnen Schule gebe es eine Elite unter den Schülern, die nicht selbsternannt, sondern dadurch entstanden sei, dass die Mitschüler ihr folgten. Es hänge vom jeweils gültigen sozialen Konsens ab, ob das die guten Schüler oder die Rowdies seien. Was Eliten zu leisten hätten, werde im Rahmen eines offenen gesellschaftlichen Diskurses bestimmt.  Wenn man gute und starke Eliten wollen, müsse das Kollektiv sie dazu zwingen, gut und stark zu sein. Niemand könne Zeit seines Lebens und mit all seinen Handlungen einem wie auch immer gearteten Eliteanspruch genügen. Von daher lasse sich Elite nicht personifizieren, sondern sei eher ein kollektives Phänomen. Sein Fazit:

"Bei diesem Verständnis von „Elite“ ist völlig klar, dass das Konzept einer gesonderten Ausbildung von Eliten, etwa in Internaten und Eliteuniversitäten, Blödsinn ist. Häufig verkörpern gerade Menschen, die sich von unten hochgearbeitet haben, mehr Elite, als die über den Kamm einer Eliteschule geschorenen Kunstprodukte. Sie sind vom Leben und ihrem Umfeld geprägt. Und nur so kann man Eliten heranbilden, indem man möglichst vielen Menschen, jungen Menschen, die Chance gibt, das Beste aus sich zu machen. Dazu gehören Möglichkeiten und Freiheit genauso wie Anforderung und Erziehung. Und je mehr verantwortungsbewusste und fähige Menschen wir haben, desto stärkere Eliten werden sich daraus formen."

Zumindest was den schulischen Sektor angeht, wird mit dem Elite-Etikett zunehmend Missbrauch getrieben. Es soll die Tatsache verschleiern, dass es in erster Linie um die "Selbstexklusion" der Wohlhabenden und die Rechtfertigung der Privilegien einer neuen "Aristokratie der Bankauszüge" in der "neuen Ungleichheitsgesellschaft" geht. Und natürlich soll es die Produkte einer privaten Bildungsindustrie verhökern helfen, während "marktkonforme" Politiker das öffentliche, also uns allen gehörende, Bildungswesen ruinieren wie vorher schon die Rentenversicherung und das Gesundheitswesen. Genau das ist Refeudalisierung, die Installation demokratisch nicht legitimierter gesellschaftlicher Macht, die sich der politischen Macht überlegen weiß. Nicht zufällig kommen die angeblichen Eliteinternate überwiegend im Retro-Look daher. Aber "Auf ins Schloss" ist keine Lösung, selbst wenn mittlerweile auch der Staat viele Millionen bei der Realisierung irgendwelcher "Leuchtturmprojekte" für begabte Minderheiten verpulvert, die dann bei der schulischen Versorgung des Rests der Bevölkerung wieder eingespart werden müssen.

Von daher muss man das selbsternannte Eliteschulwesen noch deutlicher als das entlarven, was es tatsächlich ist. Sicherlich brauchen moderne Gesellschaften Eliten. Diese sollen aber prinzipiell nicht über Eliteschulen rekrutiert werden, weder sozial exklusive wie Salem noch staatliche wie die sächsische Landesschule für Hochbegabte St. Afra in Meißen. Dies gilt ganz besonders für die ständig beschworene Verantwortungselite. Diese müsste nämlich ganz andere Eigenschaften haben als die (selbst-)exklusive Splittergruppe der Salemer "Eliteschüler". Constanze Stelzenmueller definiert diesen Begriff unter dem Titel "Elite für alle" bereits vor Jahren in der "ZEIT":

"...bedarf es noch einer anderen Art von Elite: jener, für die Führung ohne Solidarität nicht denkbar ist, für die der Anspruch auf Rechte einhergeht mit dem Bewußtsein sozialer Verpflichtung, für die die Suche nach Spitzenleistungen das Streben nach Chancengleichheit einschließt, die das eigene Interesse im Licht des Gemeinwohls definiert und die ihren gesellschaftlichen Repräsentationsanspruch immer wieder von neuem legitimiert, indem sie sich vergewissert, ob sie die Bedürfnisse der Repräsentierten auch wirklich gehört und verstanden hat. Man nennt das Verantwortungselite. Wenn es überhaupt sinnvoll ist, das Wort Elite in den Mund zu nehmen, dann nur in diesem Sinn."

"Plus est en vous!" - der von Kurt-Hahns Exilgründung Gordonstown abgekupferte Salemer Leitspruch und sozusagen das autosuggestive "Chaka!" für feine Pinkel, ist demgegenüber einfach zu dürftig. Nein, eine "Verantwortungselite" der bereits Überprivilegierten à la Salem, die auf der Grundlage bereits geebneter Wege von Altschüler-Netzwerken "das Beste aus sich selbst machen will" [was immer dabei auch herauskommt] und Anspruch auf einen "verantwortungsvollen" Job in der Wirtschaft erhebt, ist einfach zu wenig. Julia Friedrichs hat Recht, wenn sie schreibt:

"Was man nicht braucht, ist dieses Klüngelsystem, das sich als Elitebildung verkleidet. Das ist letzten Endes nur ein Rekrutierungssystem, in dem ohnehin schon Privilegierte versuchen, ihre Privilegien zu verteidigen. Das brauchen wir sicher nicht, schon allein, weil Begabte, die das Geld nicht haben, dann außen vor bleiben – und damit Talente, auf die wir eigentlich angewiesen wären."
 
 
Die neue "Verantwortungselite" entsteht im Prekariat
 
Wenn jetzt viele der Pseudo-Elite-Institute, die bislang nach eigener Einschätzung mit der Züchtung von "Verantwortungselite" beschäftigt waren, auf einmal die "Leistung" auf ihre Fahnen schreiben, der neue Schulleiter von Louisenlund, Werner Maria Esser, etwa zur "Akademisierung" und zur "Implementierung eines Exzellenzkonzepts" schreitet und der Neue vom Bodensee, Bernd Westermeyer, "die geistige Elite nach Salem holen" will, so sind dies zunächst reine Absichtserklärungen. Die Gründe, warum dies erst jetzt geschieht, geschehen muss, scheinen dabei nicht reflektiert zu werden. Womöglich kommt dieses Bekenntnis zur Leistungselite auch zu spät. Längst ist die Elitediskussion einen Schritt weiter. Der Elitebegriff, behauptet Konstantin Sakkas in einem Beitrag für Deutschlandradio, sei "von den Funktionseliten okupiert, die aufgrund einer bloß formalen Qualifikation - etwa als Jurist, Betriebswirt oder Politiker - Anspruch auf eine gesellschaftliche Sonderstellung erheben." Doch die Begriffe Funktionselite und Elite seien nicht deckungsgleich und Elite kein Besitz der höheren Sozialschichten:
 
"Wahre Elite definiert sich nicht über die Form, sondern über den Inhalt: Eigenschaften wie Spontaneität, Selbstständigkeit und Eigeninitiative sind es, die gerade das intellektuelle Prekariat von heute zur eigentlichen Elite machen: Jene jungen Menschen zwischen 25 und 40, mit oft brillanten Abschlüssen und einiger Lebenserfahrung, die manchmal jahrelang auf eine Festanstellung warten, die sich als Freelancer durchs Leben schlagen und früh gelernt haben, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie selber mögen den Begriff zwar nicht; aber wenn es in der modernen Wissensgesellschaft eine Elite gibt, dann sind sie die Elite."
 
Mittlerweile entdeckt man sogar eine Elite im nichtakademischen Prekariat, extrem (Über-)Lebenstüchtige und Erfolgreiche wie den Ghetto-Musiker Sido zum Beispiel, aber auch die "Helden des Alltags", die ihr Leben am unteren Rand der Gesellschaft bravourös meistern. Von diesen könne die larmoyante, wutängstliche und abstiegshysterische Mittelschicht lernen, wie man sich unter ungünstigen Bedingungen behauptet. Allerdings müsse man dazu, empfiehlt ZEIT-Autor Murat Aslam, zunächst "den Blick auf die Unterschicht befreien von der Arroganz der oberen Schichten". Unvoreingenommene könnten hier die wahre Verantwortungselite erkennen:

"Sie sehen Menschen, die von klein auf gelernt haben, Probleme zu lösen (die immer reichlich vorhanden sind). Die gelernt haben, keinen zurückzulassen. Sie sehen einen manchmal unglaublich disziplinierten Umgang mit Geld, besonders bei alleinerziehenden Müttern, die Hartz IV beziehen. Die Fähigkeit, hart und streng gegenüber den eigenen Kindern zu sein und trotzdem gute Laune zu verbreiten. Bescheidenheit. Permanente Selbstmotivation, morgens doch aufzustehen und das erste Bier nicht schon vormittags aufzumachen, obwohl kein Chef auf einen wartet. Erfindungsreichtum. Eine manchmal unbändige Kraft und Energie, den scheinbar vorgezeichneten Weg zu verlassen. Ein Antrieb, der oft genährt wird durch das Wissen, nichts zu verlieren zu haben. Der Wille, es »denen da oben« zu zeigen. Warum ist es so schwer zu verstehen, dass es viel mehr Energie kostet, unten einen Zentimeter voranzukommen als oben tausend Meter?"

Wie künstlich, weltfremd und verlogen wirkte da die von Bernhard Bueb Ende der 1980er Jahre "erfundene" Salemer Variante, der unter dem  Slogan "Charakterbildung hat Vorrang" [vor intellektuellen Leistungen!] verwöhnten Unternehmerkindern in spartanischer Umgebung, aber in Rolex tragender Gemeinschaft, Bescheidenheit und Anstrengungsbereitschaft anzutrainieren versuchte, indem er ein Kontingent von Stipendiaten aus der geringverdienenden Mittelschicht als jugendliche Miterzieher anheuerte. Charakterbildung wurde so zur Farce, denn das zu erwartende Ergebnis war  Doppelbödigkeit. Dies wird auch aus den Leserkommentaren zu einer der typischen Salem-Homestories der "ZEIT" deutlich (vgl. "Das Vorurteil. Salem ist kein Bonzenbunker, sagt Daniela Zech, Tochter eines Postbeamten.). In einer Leserzuschrift heißt es u.a.:

"Ich kam 2000 nach Überlingen. Auf dortigen Gymnasium wurde mir auch schnell von Altersgenossen eingedrichtert, dass in Salem nur böse Snobs hausen - als 14jähriger habe ich das geglaubt. Spätestens als dann ein Freund von mir verkündete, seine Schulkariere eben dort fortzusetzen, war ich gezwungen die Sache noch einmal zu überdenken. Ich lernte durch ihn und diverse Zufälle mit der Zeit ein paar "Spetzis" kennen und merkte schnell, dass meine Meinung von diesen vollkommen grotesk gewesen ist. Nicht nur, weil eben nicht alle Salemer aus reichem Hause stammen, sondern weil es gar nicht schlimm ist, wenn einer einen reichen backround hat. Nicht etwa, um davon partizipieren zu können, sondern weil es, bei einem Zäpfle (wundervolles Bier), vollkommen unerheblich ist.
Ich denke aber auch der Artikel zeichnet ein z.T. falsches Bild der Schule, denn so prüde und asketisch lebt es sich auf dem Internat auch nicht. Es gibt zwar strikte Regeln, aber diese können, vor allem durch den unglaublich guten Zusammmenhalt der Schüler, umgangen werden. Und ich unterstelle der Schulleitung einfach mal, dass dies sogar gewollt wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass Salem nicht nur eine sehr gute Ausbildung bietet, sondern den Schülern auch viel Freiraum für eine erlebnisreiche Jugend, und somit für die Persönlichkeitsbildung, lässt."
 
Ein weiterer Leser wendet sich direkt an die Salem-Stipendiatin Daniela und schreibt (die Zuschrift wurde inzwischen von der Redaktion gelöscht):

"Salem funktioniert nicht allein mit solchen wie Dir. Salem funktioniert nur, wenn es neben Dir noch ein paar andere rekrutieren kann, bei denen man dann über den Notenschnitt oder allfällige Sozialkompetenz hinwegsieht, die man nicht durch ein Stipendien-Auswahlverfahren zieht, die aber von Papi eben das dicke Geld mitbringen. Die, bösartig gesprochen, das arme Alibi-Volk quersubventionieren, damit Salem die Fassade behalte, jedenfalls nicht gänzlich unsozial zu sein. Salem funktioniert über schlechtes Gewissen: Ich habe mein Kind gut untergebracht, egal was es kostet. Salem weiß das. Salem hat realisiert, dass der Mensch lieber kauft als kämpft, auch ruhigen Schlaf, und bietet logischerweise freiwillige Überzahlungen in den Stipendienfonds an.

 Wo ich das Problem sehe? Dass es Kinder gibt, deren Kindheit nicht dort stattgefunden hat, wo sie hingehört: Bei den anderen. Mit den Worten eines sehr erfolgreichen Rechtsanwalts, Vater von Zwillingen: Kleine Jungs gehören auf die Straße. Er hat sein Studium selbst finanzieren müssen, ich habe mein Studium (teilweise) selbst finanzieren müssen (obwohl ich es schon viel leichter hatte), und Du wirst auch um deine Studienfinanzierung kämpfen müssen, ob als Stipendium oder durch Kredit oder durch Deine Eltern. Du wirst es nicht anders wollen, und ich habe es auch nicht anders gewollt. Denn: Das gibt einem ein Gefühl von Lebendigkeit. Und ich kann die Kommilitonen in dem reichlich spießigen Fach, das ich studiert habe, mit Polopferdchen geradezu tätowiert, als erste Geste in der Vorlesung gewollt-lässig den SLK-Schlüssel auf dem Tisch platzierend, nur bemitleiden. Totgeborene Existenzen."

 

Wie Eliteinternate den Charakter bilden

Doppelmoral und Distanz zur normalen Lebenswirklichkeit müssen einfach persönlichkeitsbildend wirken. Machen wir an dieser Stelle also gleich einmal den berühmten "Fakten-Check" mit dem Erziehungspersonal. Die Unternehmer-Zeitschrift "Impulse" befragte Ex-Salem-Leiter Bernhard Bueb, immerhin von 1974 bis 2005 dem dortigen Erziehungsmilieu ausgesetzt, zu seinem Lieblingsthema "Eltern und Lehrer müssen streng sein":

"Unternehmerkinder kommen aus wohlhabenden Elternhäusern – und sollen in einem Internat wie Salem ein asketisches Leben führen. Kann das gut gehen?

Bueb: Es gibt viele Schüler, besonders aus Unternehmerfamilien, die gehen sehr selbstverständlich und gut damit um. Es gab sogar Eltern, die ihre Kinder in Salem angemeldet haben, damit sie aus dem privilegierten Status, den sie zu Hause hatten, fliehen konnten. Wenn die Familie ein großes Unternehmen führt, werden viele Kinder ja privilegiert behandelt, dem können sie sich ganz schwer entziehen. Also bringt man sie in ein Ambiente, in dem das keine Rolle spielt – wie in Salem. Der bedeutende Name oder der Wohlstand spielen dort eine geringe Rolle.

Sie haben Salem "einen weltlichen Orden auf Zeit" genannt. Die Zimmer sind spartanisch eingerichtet, das Essen ist einfach. Die Eltern zahlen viel Geld für wenig Komfort.

Bueb: Ich habe praktisch nie erlebt, dass Eltern den Anspruch erhoben haben, dass ihr Kind ein besonderes Zimmer kriegt. Einige Schüler haben sehr wohl aufbegehrt, aber die Eltern haben in der Regel gesagt, das musst du mit der Schule ausmachen, wir werden keinen Einfluss nehmen. An der Art und Weise, wie Eltern ihr Kind der Normalität ausgesetzt haben, konnte man viel ablesen."

In der Zeitschrift "Tempo" („Ganz oben“, Tempo 9/1987, S. 42) findet sich dagegen diese Aussage einer Schülerin:

„Ob du adelig bist oder nicht, ist in Salem egal“, sagt Silke. „Hier kommt’s nur auf die Kohle an.“ [...] „Da rufen dann die Mütter an: ‚Ja, sagen Sie mal, jetzt zahlen wir extra so viel, und mein Bubi ist in dem und dem Zimmer, und bababababa’, und schon ist er in einem größeren. Vorm Geld muss die Schulleitung kuschen, das braucht sie eben.“

Da ist es tröstlich zu erfahren, dass in den deutschen Eliteinternaten, im bodenlosen "Mittelerde" der Doppelbödigkeit, immer noch "aus jedem was wird" und selbst gehandicapte Looser zu wahren Unternehmerpersönlichkeiten und einer pfiffigen Verantwortungselite heranreifen. Und das sogar, unter Umgehung des offiziellen Erziehungsprogramms, ganz ohne pseudoasketisches Bescheidenheitsgetue, Moralgewinsel und soziales Pflichtengagement, welchletzteres auch gelegentliches Leichenteile-Aufsammeln im Überlinger Wald beinhaltet, wenn über Salem nicht die Sonne scheint, sondern nächtens Flugzeuge kollidieren. Das scheint jedenfalls der Bericht "Kinder - Koks - Dealer" von Melanie Amann zu belegen. Er zeigt zugleich, wie nahe selbst Eliteinternate dem wirklichen Leben manchmal sind. Allerdings ohne es zu wissen:  Hier ein Auszug:

"Paul ist 22, er hat noch zwei Semester bis zum Bachelor in Agrarwissenschaften. Wenn er fertig ist, will er eine Unternehmensberatung für Landwirte gründen, die Firma soll seinen Namen tragen, mit dem Zusatz „Consulting“. Die Perspektiven für Agrar-Berater seien vielversprechend, sagen die Professoren. Das Agrarconsulting wäre Pauls zweite Unternehmerkarriere.

Die erste begann im Internat, wo er drei Jahre lang ein Handelsgewerbe mit integrierten Beratungs- und Beschaffungs-leistungen betrieb, für das ihn kein Studium qualifizierte, sondern nur sein Instinkt für gute Gelegenheiten. Hätte jemand den Einkindbetrieb entdeckt, mit dem Paul sein Taschengeld in den erfolgreichsten Zeiten um 250 Prozent im Monat aufbesserte, hätte er bis zu zwei Jahre ins Jugendgefängnis kommen können. Dabei hatte er seine Ware ganz legal erhalten, zeitweise sogar gegen seinen Willen.

Paul war 15, als er anfing, mit einem Rauschmittel zu handeln, dessen unerlaubter Besitz oder Verkauf vom Betäu-bungsmittelgesetz unter Strafe gestellt wird. Es heißt Methylphenidat, eine chemische Substanz, die wie Amphetamine oder Kokain wirkt. Bekannter als der Name Methylphenidat allerdings ist der Name eines Medikaments, das daraus hergestellt wird: Ritalin. Es wird Kindern mit ADHS verschrieben, also Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung.

[...] "Angeblich bin ich hochbegabt, ein Hochbegabten-Verein hat mich positiv getestet, und Psychologen haben das bestätigt. Das verdanke ich wohl meinem Vater, er ist Professor und extrem intelligent, ein bisschen von seinem Brain habe ich sicher abbekommen. Trotzdem hatte ich immer miese Noten, vor allem in Mathe, und meine Mutter konnte mir nicht helfen. ,Du bist doch so intelligent’, hat sie immer ganz verzweifelt gesagt, ,wenn du nur mal richtig aufpasst, dann kannst du es schaffen.’“

Hochintelligent und chronisch unaufmerksam - für diese zwei Befunde bekam Paul zwei Therapien: das Rezept für Medikinet und einen Platz in einem Internat für kluge Kinder mit Leistungsstörungen. Sein Arzt stellte ihn behutsam ein, Paul begann mit einer Dosis von 20 Milligramm Methylphenidat am Tag, bald 25, dann 30 Milligramm. Die Dosierung wurde nach oben angepasst, bis sie Wirkung zeigte, und sie wurde weiter nach oben korrigiert, je schwerer und größer er wurde. Am Ende sollte Paul 35 Milligramm am Tag einnehmen, und sein Rezept warnte ihn, dass 60 Milligramm die absolute Obergrenze seien. Aber da konsumierten längst andere seine Kapseln.

“Ich habe mit Medikinet nicht aufgehört, weil ich die Dinger verkaufen wollte. Ich fühlte mich damit einfach unwohl.“ Sein Arzt hatte Paul versprochen, er werde mit den Pillen „viel natürlicher“ werden, viel mehr „er selbst“. Seine Freunde fanden, dass ihn die Pillen so anders machten. „Was ist los, bist du depri?“, fragten sie. Für Außenstehende wirkte Paul seltsam ruhig. In seinem Körper fühlte er genau das Gegenteil: eine seltsame Unruhe. Jetzt war er nicht mehr hibbelig und unkonzentriert, er war kribbelig vor Tatendrang. „Manchmal war ich nachmittags so geladen, dass ich mir gesagt habe: O. k., dann lerne ich jetzt halt. Irgendwohin muss diese Power. Ich war mir selbst unheimlich.“

Als er es nicht mehr aushielt, verordnete Paul sich selbst eine Methylphenidat-Nulldiät, den kalten Entzug. Die Kapseln wurden ihm aber weiter geliefert, jeden Morgen zum Frühstück. Daheim hätte seine Mutter aufgepasst, dass Paul die Medizin wirklich schluckt oder die winzigen Kügelchen aus den Kapseln auf einem Löffel Joghurt schleckte. Daheim in der Küche saßen aber auch nur er, sein großer Bruder, seine kleine Stiefschwester und sein Stiefvater. Im Internat ging Paul jeden Morgen zwischen 200 Mitschülern in einen Frühstücksraum so groß wie seine Mensa heute. Links neben dem Eingang stand ein langer Tisch, an dem die Erzieher saßen. Wer auf Ritalin war - im Internat war das jeder fünfte Junge, schätzt Paul, und in seinem Freundeskreis jeder zweite -, der holte sich hier im Vorübergehen die tägliche Ration.

Nur diejenigen, deren Weigerung mal aufgefallen war, mussten ihre Ration gleich am Tisch der Erzieher schlucken. Die meisten durften die Tablette diskret einstecken. Wem auch das zu peinlich war, und Paul war es peinlich, der durfte sich die Ration im Büro eines Erziehers abholen. Niemand sollte bloßgestellt werden, fand die Internatsleitung, es musste doch kein Schüler wissen, wer alles die Zappel-Pille schluckte. So konnte aber auch kein Erzieher wissen, wer sein Ritalin wirklich nahm. „Sie konnten uns nicht alle kontrollieren, und sie wollten ja auch zeigen, dass sie uns vertrauen“, sagt Paul. Seine Ration steckte er in die Hosentasche, auf seinem Zimmer legte er sie in einen Beutel, und den Beutel legte er in eine Schublade. Andere Mitschüler steckten ihre Ration unter die Matratze, in die Spitze eines alten Turnschuhs oder in die Ritze zwischen Schrank und Wand.

Manche verstanden nie, dass sie bares Geld versteckten und vergammeln ließen, aber Paul begriff es schnell. In seinem Internat wurde alles zu Geld gemacht, mit dem sich das Denken und Fühlen verändern lässt. Zwei Wochen nach seiner Ankunft rauchte Paul seinen ersten Joint, vor seinem 15. Geburtstag hatte er Cannabis in jedem erhältlichen Aggregatzustand konsumiert, außerdem Pilze und Lachgas. Alkohol sowieso, der wurde für die richtige Mischung beigefügt. Das Internat von Paul hatte ein Haus für Jungen, ein Haus für Mädchen und einen halbleeren Neubau, in dem vor allem Abiturienten wohnten, die weniger behütet wurden als die Jüngeren. „Ich ging bei den Großen ein und aus, ich wurde ihr Maskottchen. Sie fanden es witzig, dass ich immer alles probieren wollte.“

Bald erkundigten sich die Großen bei dem Kleinen nach Ritalin. Paul brachte ihnen seinen Beutel und erfuhr von Verabreichungsmethoden, die nicht auf der Packungsbeilage standen. Sein Präparat Medikinet Retard war bei den Kunden besonders beliebt, weil es keine Tablette war, sondern eine Kapsel mit Kügelchen. Normalerweise lösen sich die Kügelchen über den Tag in Etappen auf - ihre Wirkung ist retardiert. So müssen ADHS-Kinder nicht mehrmals am Tag etwas schlucken, ihr Körper ist bis zu acht Stunden versorgt. Paul lernte, dass sich Medikinet nicht nur retardieren, sondern auch akzelerieren lässt, indem man es zerreibt und durch die Nase zieht. „Wir haben uns mit der Karte vom Girokonto Lines gezogen, wie die Rapper in den Musikvideos es mit Koks und einer goldenen Kreditkarte machten. Aber für das Zerreiben brauchte man Übung, die Kügelchen rutschten schnell mal weg. Wenn wir ihnen unter das Bett hinterherkriechen mussten, fühlten wir uns nicht mehr so cool.“

Geschlucktes Methylphenidat schleicht sich an, durch den Magen und den Darm über die Blutbahn bis ins Gehirn. Geschnieftes Methylphenidat galoppiert direkt ins Gehirn. Und geschnieftes Medikinet Retard macht bumm! „Eine Tagesdosis durch die Nase, zwei Bier hinterher, das gab einen Kick - keinen gewaltigen, aber man ist auf einen Schlag voll aufgeputscht“, sagt Paul. „Die Amerikaner nennen Ritalin Kinder-Koks. Aber wir fühlten uns nicht euphorisch oder übermenschlich, einfach frisch, cool, total fokussiert.“

Aufgeputscht mit Ritalin und Bier spielte seine Clique nachts Fußball auf dem Internatsplatz, oder stundenlang Counterstrike am Computer, oder sie glotzten bis zum Morgengrauen Filme im Internet. Sie kletterten durch ihre Zimmerfenster im ersten Stock, schlichen sich vom Internatsgelände in die Innenstadt und tanzten die Nacht in einem Drum & Bass-Club durch. Und sie lachten sich kaputt über die „Kiefer Action“ im Gesicht derer, die eine Line zu viel gezogen hatten. „An einem Abend habe ich mal das Doppelte von dem genommen, was als Höchstdosis auf meinem Rezept stand, 120 Milligramm, und dazu Jägermeister getrunken. Danach blieb ich bis 18 Uhr am nächsten Tag knallwach, mit derbem Herzrasen“, sagt Paul. „Egal wie viele Joints ich geraucht habe, ich kam nicht runter.“ Aber unter dem Strich klagten seine Kunden selten über Nebenwirkungen. Die Appetitlosigkeit zum Beispiel, die Kribbeligkeit, die Schlaflosigkeit und das Gefühl, das Herz schlage im Takt mit dem Beat auf der Tanzfläche - das alles war ja nicht unerwünscht.

Wie jeder gute Unternehmer wusste Paul, welche Sanktionen ihm von der Aufsicht für seine Geschäfte drohten. Aber die gab keinen Anlass zur Sorge. Wenn der Stockwerksbeauftragte ihn nach Zapfenstreich aufgeputscht auf dem Gelände erwischte, mit einer Extraportion Medikinet in der Hosentasche, musste er höchstens den Schulhof kehren. Wer hingegen mit Gras erwischt wurde, musste zum Urintest und flog vielleicht von der Schule. „Heute wird überall riesig diskutiert über Ritalin“, sagt Paul. „Damals dachte niemand groß darüber nach, ob es schädlich sein könnte, auch nicht die Erzieher. Wir bekamen es ja alle auf Rezept.“

Nach einem Jahr hatte Paul sein Geschäftsmodell voll entwickelt. Er ging zu seinem Erzieher und erklärte, er hätte jetzt genug von diesem Rationierungsunsinn. Mit 16 sei er alt genug, sich jeden Morgen selbst eine Kapsel aus der Packung zu drücken. Die Mädchen nahmen die Pille ja auch nicht unter Aufsicht ein. Er bekam die Schachtel, in der 50 Kapseln steckten, und verlangte einen Euro pro Kapsel von seinen Käufern. Noch mehr zahlten die Studenten, die er sich als neue Kunden erschlossen hatte und die Pauls Kügelchen vor einer Prüfung schluckten. Die Studenten suchten keinen Kick, sie wollten einfach höchste Konzentration, und es war ihnen zu umständlich, die Ärzte von einem Aufmerksamkeitsdefizit zu überzeugen, um an den Stoff zu kommen. Pauls wichtigster Kunde war fünf Jahre älter als er, ein Student aus Stuttgart. Die beiden hatten eine Rahmenvereinbarung geschlossen: eine Wochenration Methylphenidat gegen 8 Gramm Gras. Das Gras verkaufte Paul seinen Mitschülern dann weiter. Wenn er sie nett fand, verschenkte er es. „Wenn sie dumm waren, streckte ich es und verlangte Irrsinnspreise. Die haben immer bezahlt.“

So wurde aus Paul, dem 15-jährigen Schulversager, für den das Internat die letzte Hoffnung aufs Abitur war, die Firma Paul Consulting, die monatlich bis zu 100 Euro Umsatz machte. Internatsschüler durften 40 Euro Taschengeld im Monat haben, so kam Paul auf ein ordentliches Budget für Drinks in der Disko, fürs Kino, für ein Computerspiel, also für alles, was man im Leben so brauchte. Dieses Budget zusammen mit seinen dunklen Rastalocken, seinen hellblauen Augen und seinem Charme beeindruckten auch solche, die nie bei ihm kauften: Mädchen.

“Ich war kein kleiner Loser mehr, sondern ein gefragter Ratgeber. Ich konnte alles besorgen. Ich hatte eine Machtstellung in meinem sozialen Umfeld.“ Paul erklärte seinen Freunden, wie sie ihre Dosis einteilen mussten, damit sie kein Herzrasen bekamen. Andere Ritalin-Kids erkundigten sich bei ihm nach Abnehmern, weil er ja die Älteren kannte, und er erklärte bereitwillig Preise und Vertriebswege. Der Markt war groß genug für alle. „Für Ritalin-Dealer sind Internate optimal. Es gibt enorm viele Verkäufer, die teilweise geschäftlich sehr naiv sind, es gibt enge Netzwerke über Geschwister und Ehemalige zu den Kunden an der Uni, und es gibt sehr lückenhafte Kontrollen. Ich würde wetten, es läuft überall so.“

Bis Paul das Internat verließ, wurde dort niemand beim Missbrauch von Methylphenidat erwischt. Er selbst musste gehen, weil man ihn mit Cannabis erwischte."

 

Sind Elite-Internate gefährlich?

Angesichts solcher Beispiele "gelungener" Persönlichkeitsentwicklungen drängt sich die Frage auf, ob Eliteinternate nicht nur überflüssig sind, sondern sogar gefährlich. Auf ihre Doppelbödigkeit und Fassadenhaftigkeit sowie die negativen Wirkungen solcher Erziehungsmilieus auf Erzieher wie Edukanden wurde bereits hingewiesen. Ebenso auf ihre Funktion im Rahmen einer Refeudalisierung der Gesellschaft. Hier soll es abschließend um das Bewusstsein gehen, dass die Absonderung in Eliteinternaten und das damit verbundene Gefühl der Besonderheit  ihren Schülern vermittelt. "Elitedenken als Erziehungsmittel" lautet das Stichwort. Unter diesem Titel schreibt der ehemalige Leiter der Schule Schloss Salem, Bernhard Bueb:

"Die Zugehörigkeit zu einer elitären Gruppe stärkt die Persönlichkeit. Die Identifikation, oft durch Kleidung und Lebensführung dokumentiert, setzt Kräfte frei und führt zu Taten der Selbstüberwindung, die ein einzelner allein nie mobilisiert oder geschafft hätte. Dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte - die Orden, überhaupt die Geschichte aller Religionen und Weltanschauungen, der Kommunismus, der Nationalsozialismus.

Wir brauchen Eliten - Werteeliten, d.h. eine Auslese der Besten, die in ihren persönlichen Eigenschaften und ihrem Lebensstil die hösten Werte des Gemeinwesens in exemplarischer Weise verkörpern.

[...] Schüler und Studenten werden im Bewusstsein ihrer Besonderheit erzogen. Dadurch kann man von ihnen mehr fordern. Sie identifizieren sich mit den leitenden Ideen einer Schule oder Hochschule und versuchen, das Beste aus ihren Talenten zu machen, um diese Ziele zu erreichen. Erzieher und Lehrer setzen dieses Selbstwertgefühl - wir sind zu höheren Aufgaben bestimmt - als Mittel der Erziehung ein."

Jungen Menschen einzureden, "etwas Besonderes" zu sein, klingt eher nach Erziehungsfehler, einer Art Gehirnwäsche, wie Kathrin Gulnerits im "Wirtschaftsblatt" schreibt, die zur Selbstüberschätzung bis hin zum Größenwahn führt. Die "Neue Zürcher Zeitung"  bestätigt diesen Verdacht und schreibt 2009 über die "Problematik von Eliteschulen":

"Eliten haben ein Interesse an der Weitergabe ihrer Position an die Nachkommen. Viele Mitglieder der Elite träumen davon, eine Dynastie zu gründen. Die eigenen Söhne und Töchter sollen auch der Elite angehören. Wichtig sind darum Institutionen, die den eigenen Kindern den Einstieg in elitäre Kreise ermöglichen. Dank einer guten Bildung und Erziehung soll der eigene Nachwuchs auch Entscheidungsträger werden und Machtpositionen übernehmen. Eliteschulen kommen diesem Bedürfnis entgegen. Es wird suggeriert, dass dank einem hochprofessionellen Unterricht und Top-Lehrern aus dem Nachwuchs künftige Führungspersönlichkeiten geschmiedet werden können. In den Beschreibungen von Eliteschulen erkennt man die Rhetorik der Selbstlegitimation elitärer Kreise. Es wird eine hochkarätige Ausbildung versprochen, meist in einem internationalen Setting und einem geschützten Raum. Eliteschulen passen sich dem Selbstbild elitärer Kreise an. Oft wird behauptet, dass sie ausserordentliche Begabungen erkennen und adäquat fördern können.
 
Die Gefahr solcher deklarierten Eliteschulen ist, dass es nicht primär um Begabungen und Fähigkeiten geht, sondern um das Heranbilden eines elitären Selbstverständnisses. Sie sind darauf spezialisiert, durchschnittlich begabten Jugendlichen ein überhöhtes Selbstwertgefühl zu vermitteln. Wenn der Schulbesuch mit hohen Schulgeldern und speziellen Aufnahme-bedingungen verbunden ist, dann wird der Elternschaft ausserdem Exklusivität kommuniziert. Für die Lehrpersonen wird es schwierig, wenn sie diesen Auftrag nicht annehmen und das Verhalten und das Leistungsprofil der Schüler zu sehr hinterfragen. Ihre Existenz wird bedroht, und sie verlieren vielleicht wegen eines kritischen Vaters und Sponsors ihre Stelle. Auch die Schüler könnten dies merken: In einem Gymnasium in Zürich pries der Rektor seine Schule regelmässig als Kaderschule der Nation. Den Schülern ging seine Rhetorik auf die Nerven. Sie rächten sich, indem sie an der Maturfeier in Neandertaler-Kostümen erschienen und ihr Reifezeugnis grunzend in Empfang nahmen.
 
Das Problem der Eliteschule ist, dass sie von einem Persönlichkeitsprofil ausgeht, das erst noch bewiesen werden muss. Wer nämlich Ausserordentliches leisten wird, kann nicht vorausgesagt werden. Überdurchschnittliche Leistungen hängen von vielen Faktoren ab, selbst brillante Schulkarrieren sind kein Garant für Elitetauglichkeit. Schulerfolg ist eine Anpassungs-leistung in einem abgesonderten sozialen Umfeld. Erfolgreich sind jene Schüler, die auf Forderungen und unausgesprochene Erwartungen der Lehrpersonen eingehen können. Eine Kernkompetenz der Elite hingegen ist, über eine aktuelle Situation hinwegsehen zu können, Bedingungen zu hinterfragen und neue Konstrukte zu wagen. Eliten müssen sich auch in einem unübersichtlichen, chaotischen Umfeld profilieren. Solche Herausforderungen können in einer schulischen Situation nicht nachgestellt und entsprechende Fähigkeiten können vorher nicht erfasst werden. Für Menschen, die bereits als Kind in ein elitäres Milieu sozialisiert wurden, hat Bildung zudem eine andere Bedeutung. Sie ist kein Mittel des sozialen Aufstiegs, sondern höchstens eine Bestätigung des eigenen exklusiven Status. Durchschnittliche Fähigkeiten genügen, um im eigenen Stand zu bleiben. Die Motivation, sich für die Bildung einzusetzen, ist oft nicht gross, da man sich nicht mehr grundsätzlich beweisen muss.
 
Zur Elite sollte gehören, wer sich dazu eignet. Eliteschulen aber drohen diesen Gedanken zu pervertieren, da sie sich den Ausschlussmechanismen elitärer Kreise anschliessen. Sie geben der Elite einen Vorwand, nur jene zuzulassen, die genehm sind. Man bleibt unter sich, schiebt jedoch vor, das Eliteprofil sei durch den Besuch einer der Grandes Ecoles abgesichert. Studiert man die Biografien von Menschen, die sich wirklich durch spezielle Begabungen und Fähigkeiten auszeichnen, dann haben sie oft nicht eine Eliteschule besucht. Vielmehr handelt es sich um Persönlichkeiten, die ein antagonistisches Verhältnis zu etablierten Werten haben. Nicht die Anpassung steht im Vordergrund, sondern die Suche nach Alternativen. Viele mussten sich gegen Widerstände durchsetzen und entwickelten ihre Fähigkeiten in Auseinandersetzung mit widrigen Umständen. Sie gingen nicht vom Selbstverständnis einer Elite aus, sondern profilierten sich dank dem Kampf gegen Vorurteile und Irrtümer. Ein elitäres Selbstverständnis hätte sie womöglich behindert.
 
Die Unabhängigkeit der Schule von den Ansprüchen einzelner Schichten ist eine der grossen Errungenschaften demokratischer Gesellschaften. In Schulen sollte sich kein heimlicher sozialer Filter etablieren, sie sollten möglichst allen offen sein. Auf diese Weise erhöht sich die Chance der Durchmischung der Schichten und wird echte Begabungsförderung betrieben."

Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder noch dies: Auch die Eliteinternate in klassischen Internatsländern wie England oder Nordamerika, zu denen auch viele Deutsche inzwischen flüchten, sind nicht mehr als ein Mythos. Das angeblich hohe Leistungsniveau ihrer Schüler und Studenten wird maßlos überschätzt.

 

Ulrich Lange

 

Weitere Informationen zum Thema "Elite-Internate"