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Hier erhalten Sie kritische Informationen über Internate, die in Internatsprospekten, Werbe-Videos, Medienkampagnen sowie den  märchenhaften Darstellungen gewerbsmäßiger Internatsvermittler gern verschwiegen werden.

Bitte besuchen Sie auch unsere Verzeichnisseite "Alle Internate in Deutschland" und die Info-Seite "Tipps & Trends" (Top-Thema der Seite: DER PRIVATISIERUNGS-TREND - Refeudalisierung der Gesellschaft durch "Elitisierung" der Bildung)


Sexueller Missbrauch in Internaten:

Missbrauch im Internat in Thuine:

Gericht verurteilt zwei 16-Jährige zu gemeinnütziger Arbeit 

Wegen der Vergewaltigung von Kindern in vier Fällen und einem Versuch ist ein 16-Jähriger dazu verurteilt worden, 200 Stunden gemeinnützige Arbeit zu leisten. Ein weiterer Mitangeklagter, ebenfalls 16 Jahre alt, muss wegen Vergewaltigung eines Kindes in einem Fall sowie Nötigung in zwei Fällen 80 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Die Taten sollen zwischen Juni 2010 und April 2011 verübt worden sein. Zu diesem Zeitpunkt waren die Angeklagten 14 Jahre alt und damit gerade strafmündig geworden.

Weiter lesen: http://www.noz.de/lokales/69700893/missbrauch-im-internat-in-thuine-gericht-verurteilt-zwei-16-jaehrige-zu-gemeinnuetziger-arbeit

Kommentar:

Wer geglaubt hat, dass das Thema sexueller Missbrauch und Gewalt in Internaten nach den Enthüllungen des Jahres 2010 nun endlich "ausgestanden" sei, sieht sich getäuscht. Die seinerzeit aufgedeckten Skandale betrafen zum größten Teil Übergriffe von Erwachsenen an Kindern und Jugendlichen, die oft Jahrzehnte zurück lagen. Und diese "Schatten der Vergangenheit" sind beileibe noch nicht aufgearbeitet, so gern die überwiegend privaten Bildungsunternehmer diese zu den Akten legen und wieder "in ruhigeres Fahrwasser" steuern würden. Erst heute hat der unabhängige Bundesbeauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindes-missbrauchs Röhrig kritisiert, dass ein erheblicher Teil der seinerzeit am "runden Tisch" vereinbarten Maßnahmen noch nicht umgesetzt sei.

Und schon taucht ein neues Problem auf, das eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München aus dem Jahr 2011 bereits so beschreibt (Quelle NDR): "Als mögliche Täter haben die betroffenen Kinder vergleichsweise selten Betreuer, Erzieher oder Lehrer angegeben. In den befragten Heimen gerieten bei zehn Prozent der Missbrauchsvorwürfe die dort tätigen Erwachsenen unter Verdacht, an Schulen vier und an Internaten drei Prozent. Dagegen ist sexueller Gewalt unter Kindern und Jugendlichen offenbar viel weiter verbreitet: Knapp 40 Prozent der Heime berichten über Verdachtsfälle, bei denen die mutmaßlichen Täter andere Kinder oder Jugendliche waren. An Schulen und Internaten werden bei 16 (Schulen) bis 28 Prozent (Internate) der Vorwürfe Gleichaltrige dafür verantwortlich gemacht. Die Hälfte dieser Verdächtigten war unter 14 Jahre alt."

Der Prozess in Thuine beschreibt vermutlich wiederum nur die berühmte "Spitze des Eisbergs". Das nächste "anus horribilis", in dem dann massenhafte Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen enthüllt werden, ist wohl absehbar.

Fachleute warnen, dass die Zahl der Missbrauchsfälle noch zunehmen werde, gerade in den Familien, die nach wie vor als hauptsächlicher Tatort gelten. Jürgen Hardt, scheidender Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen, führt dies auf eine „zunehmende Sexualisierung und der Auflösung der Generationsschranken“ zurück. Mit Letzterem ist der Trend gemeint, dass Mütter und Töchter sich aufführten wie Freundinnen. Die Grenzen seien manchmal nicht mehr sichtbar. Kinder seien aber mit der Lebenswelt ihrer Eltern überfordert.   Was für sie Zärtlichkeit sei, sei für Große Sex (Quelle: FR Online).

Harte Strafen schrecken nicht ab. Das Hauptproblem ist und bleibt die Bereitschaft der Opfer, die Taten zur Anzeige zu bringen. Oft finden sie erst nach Jahrzehnten die Kraft und den Mut, über das Erlittene zu sprechen. Bei Gewalt und sexuellem Missbrauch in der Familie und unter Gleichaltrigen ist die Anzeigebereitschaft der Opfer am geringsten. Hier ist auch die Unterscheidung zwischen Zuwendung (Bezugspersonen) oder "Spaß" (Jugendliche) und gewaltsamen Übergriffen besonders schwierig.  

In Internaten herrscht oft das "Gesetz des Schweigens". Es gibt nichts Schlimmeres als Kameraden zu "verpetzen". Hinzu kommt die Scham, die Unterlegenheit gegenüber übergriffigen Kameraden eingestehen zu müssen. Der Begriff "Opfer" weckt keinerlei Anteilnahme, sondern gilt als Schimpfwort, das den anderen in der Gemeinschaft total abwertet.   

U. Lange

 


Lese-Empfehlung:

Die reformpädagogischen Internate ringen um einen Neuanfang

http://www.zeit.de/2013/07/Reformpaedagogik-Internate-Krise/komplettansicht

Auszug: 

 

"Die Symptome der Krise sind vielschichtig. Längst geht es nicht mehr allein um den massiven Vertrauensverlust durch den Missbrauchsskandal. [...] Der demografische Wandel, die schwindenden Schülerzahlen machen den Schulen zu schaffen. Nach der Debatte um den sexuellen Missbrauch ging die Nachfrage in manchen Einrichtungen um bis zu 30 Prozent zurück. [...] Durch das verkürzte Abitur fehlt in der Oberstufe ein ganzer Jahrgang. Unter Druck geraten die Internate außerdem durch zunehmende Konkurrenz. Fürchteten sie vor einigen Jahren noch die englischen Internate, die deutsche Schüler abzogen, sehen sie sich jetzt auch durch die staatlichen Schulen bedrängt. Viele von ihnen haben in den letzten Jahren nicht nur durch moderne, leistungsorientierte Lernkonzepte überzeugt. Sie machen durch die Einführung der Ganztagsschule nun auch berufstätigen Eltern ein ernst zu nehmendes Angebot..."


 

 

Feuerteufel im Landschulheim Schloss Ising (Klick auf die Titelzeile!)

Weitere Erfahrungsberichte zu Landschulheim Schloss Ising (klick hier)

Lesen Sie hierzu auch:

Brand im Internat Schloss Wittgenstein

Falscher Feueralarm auf "Schloss Bieberstein"

 


Pro Sieben-Docu "U20 Deutschland Deine Teenies" - Letzte Chance Internat - Sendetermin 18.05.2011

 

Letzte Chance Internat

Kommentar:

Endlich mal eine realistische Darstellung der Hintergründe, die zu einer Unterbringung von Jugendlichen in einem "Eliteinternat" führen, und eine Dokumentation der beliebtesten Erziehungsfehler der heutigen Elterngeneration. Wirklich auf den Punkt. Denkt man zumindest bei den ersten Filmsequenzen. Aber dann kommts doch noch ganz dicke. Präsentiert wird  - entgegen den europäischen PR-Richtlinien  - mal wieder nur ein einziges Institut (Schloss Varenholz in Kalletal), das man ohne eine einzige kritische Anmerkung als pädagogische Wellness-Oase beschreibt, in der die außer Kontrolle geratene Barbie aus dem Villen-Ghetto (Hauptschülerin, Mathe: 6) wie im Märchen "von Stund an" ihr Glück findet. In nahezu perfekter Weise werden zugleich die üblichen Illusionen von Besserverdiener-Eltern genährt, dass sich in der Wohlfühlatmosphäre eines "Eliteinternats" (dieser Ausdruck muss natürlich im Kommentar mehrmals untergebracht werden) für 20.000 Euro p.a. (pfui, wie billig!) alle Probleme wie von selbst lösen, sowie die feuchten Träume verwöhnter Teenager bedient, die sich unter "Gemeinschaftsleben" einen lockeren Partybetrieb fernab der Kontrolle Erwachsener vorstellen. So huschen denn die Pädagogen auch nur als Randfiguren durchs Bild, die zur Begrüßung Hände schütteln (Internatsleiter) oder die ältere Schwester geben (Erzieherin). Schmusepädagogik hautnah. Keine Frage, dass sich bei so viel Einfühlsamkeit die Noten sofort verbessern, selbstverständlich ganz ohne intensive Lernarbeit (von der vorsichtshalber überhaupt nichts gezeigt wird, um beim Betrachter nicht doch noch Unwohlsein zu erzeugen!). Und heiter geht's weiter. Klar, dass der schnell aquirierte "neue Freund" mit aufs Zimmer darf und man sich gemeinsam im Bett herumwälzt, während die zwei Mitbewohnerinnen und die ebenfalls rasch gefundene "neue beste Freundin" mal eben draussen sind. Und was am "geheimen Treffpunkt im Wald" so alles abgeht, dem etliche Internatler im Film konspirativ zustreben wie Harry und Harriette Potter, wird vorsichtshalber gar nicht erst berichtet. Ist ja schließlich geheim. Ob sich Eltern "Zucht und Ordnung" im Internat so vorgestellt haben? Egal. Hauptsache, das Kind fühlt sich wohl und hört auf zu stressen. Letztlich sind eben alle bestechlich. Die Tochter darf sich, damit sie auf dem Gefangenentransport im väterlichen Benz nicht entweicht, kurz vor Erreichen des Internats noch mal komplett einkleiden und bekommt das neue Handy. Und die nicht erziehungsverpflichteten Erziehungsberechtigten stellen keine unangenehmen Fragen, so lange "gute Noten" geliefert werden (aber wehe nicht!). Insgesamt ist der Pro-7-Beitrag ein übles Beispiel unterschwelliger Verkaufsförderung, durch die vergnügungssüchtige Teenager mit der Internatsidee angefixt und Eltern mit deutlich mehr Geld als Verstand die Überzeugung gewinnen sollen, dass Reichtum durchaus glücklich macht, so lange man ihn mit der privaten Bildungsindustrie teilt und sich von Erziehungs- und Schulproblemen dadurch loskauft, dass man dem Kind ein schönes "Eliteinternat Schloss XY" gönnt.

Aber alles ist ja gut zu irgendwas. So kann sich zumindest der kritische Betrachter dieses Beitrags erklären, wie es zu  Erfahrungsberichten wie den folgenden kommt:

"Es war nicht wie bei Hanni und Hanni und erst recht nicht wie Schloss Einstein - und mein Internat ist kein Einzelfall gewesen. Keine Freizeit, Drogen, keine Zeit für dich allein & von dem Unterricht möchte ich erst garnicht anfangen - es war so einfach, dass ich mit 1,0 in der 10.Klasse abgegangen bin und in der 11. Klasse auf einer staatlichen Schule derbe abgekackt bin... Also überlegs dir - egal wie streng deine Eltern sind, egal wie doof deine Schule ist - das Internat wird schlimmer sein."

"Eine Freundin von mir ist auch auf einem Internat und bei der hat das Lernen eher noch abgenommen, einfach weil sie die ganze Zeit nur mit den anderen Leuten Party macht und sonst das Gefühl hat, nicht mehr dazu zu gehören. Was die Noten angeht, würd ichs mir also überlegen."

Quelle: http://www.kleiderkreisel.de/foren/rat-und-tat/schule-studium-and-beruf/588799-ich-will-ins-internat?per_page=100

 

Siehe hierzu auch unsere ZFI-Dokumentation:

Internate: Bildungsstätten für die Elite von morgen?

 

Weitere Informationen:

U. Lange: Internate: Neue Zielgruppen und alte Probleme

Auszug aus demChat: Die besten Internate Deutschlands

U. Lange: Internatsleben (Antworten bei gutefrage.net)

Eliteinternate: Zurück zu Zucht und Ordnung?

Die neue Strenge von Salem & Co.

 


 

Vorsicht Schleichwerbung!

 

Mal wieder macht ein öffentlich-rechlicher Sender (ZDF) schamlos Schleichwerbung für ein bestimmtes Internat (Institut Lucius in Echzell/Hessen)! Als Hersteller des Werbefilmchens vermuteten wir aufgrund einer vor Ausstrahlung an uns gerichteten Anfrage (siehe Gegendarstellung) eine Firma namens "rabbithole-films", deren Internet-Präsenz allerdings nicht mehr enthält als eine Visitenkarte des "Filmdirectors und Autors" Christopher Zahlten, der bisher u.a. als freier Mitarbeiter der Film- und TV-Produktionsfirmen MES GmbH und AVANTI-FILM in Erscheinung getreten ist. Eine redaktionelle Bearbeitung durch das ZDF erfolgte unseres Wissens nicht (siehe hierzu wiederum die Gegendarstellung von Christopher Zahlten) bzw. war eine solche aufgrund der Machart des Beitrags kaum zu vermuten. Das Fehlen einer grundsätzlich kritischen Herangehensweise an das Thema Internatserziehung ist um so bedauerlicher, als das von den Autoren angestimmte Loblied auf das "Institut Lucius" im Rahmen der Ratgeber-Sendung "WISO plus" präsentiert wurde, eines Formats also, von dem der Zuschauer erwartet, dass die Selbstsicht der Anbieter von Waren und Dienstleistungen auf den Prüfstand gestellt wird! 

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie privatwirtschaftlich organisierte "Partnerfirmen" eines öffentlich-rechtlichen Senders Beiträge in das Programm einschleusen, die nicht nach den Regeln unabhängig-kritischer Berichterstattung recherchiert sind, sondern unter Gesichtspunkten der Marktkonformität (Frage: Welche Themen sind gerade "in Mode" und mit welchem Design kann ein Beitrag möglichst ökonomisch produziert und erfolgreich abgesetzt werden?) entstehen. Der Korruption und Schleichwerbung sind damit Tür und Tor geöffnet. Wohl nicht zufällig ist die Sendung WISO berüchtigt für unsaubere Praktiken (siehe zum Beispiel der "Test" Dominosteine, bei dem der Hersteller des "Testsiegers" mit in der Jury saß!). Vor diesem Hintergrund bricht immer wieder die Frage auf, mit welchem Recht ständig steigende Fernsehgebühren damit begründet werden dürfen, dass "Qualitätsjournalismus" schließlich seinen Preis habe!

WISO plus, 22.11.2012

Titel der Sendung: Internat - Ein Weg zum Erfolg?

Beschreibung des Senders:

"Überfüllte Klassen, schlechte Hausaufgabenbetreuung: Viele Eltern sehen ihre Kinder in den klassischen Schulen nicht gut gefördert. In Internaten ist das anders - der Haken: das Schulgeld."

Kommentar:

Werte ZDF-PR-Abteilung!

Könnten Sie uns bitte demnächst mit solchen als redaktionelles Programm getarnten Werbetrailern verschonen, die in bunten Bildchen die idyllische Internatswelt eines einzelnen, namentlich genannten Instituts preisen (siehe hierzu die Fernsehrichtlinie der Europäischen Gemeinschaft!) und deren kritisch-journalistische Grundtendenz sich darin erschöpft, die Werbeaussage im Titel mit einem Fragezeichen zu versehen und der schönfärberischen Darstellung einen relativierenden Schlusssatz anzuhängen? Was soll dieses undifferenzierte Bashing öffentlicher Schulen? Wieso sind denn nicht alle Schüler, die in den "überfüllten" Klassen staatlicher Lehranstalten sitzen, schlechte Schüler? Und ist die hier zum 375sten Mal kolportierte These, dass kleinere Klassen zu besseren Schülerleistungen führen, nicht mindestens ebenso oft widerlegt worden? Nein, Internate sind keineswegs "der Weg zum Erfolg". Und die zum Teil recht hohen Kosten sind auch nicht der einzige "Haken"! Denn sonst würde man ja nicht im Internet Erfahrungsberichte wie diesen finden, oder wie diesen. Ein schlichtes Beispiel aus dem "Internatsleben" des schleichbeworbenen Instituts (Quelle: faz.net):

"Zu sechst saßen sie in dem kleinen VW Polo: der neunzehnjährige Fahrer und fünf Schülerinnen zwischen vierzehn und sechzehn. Am vergangenen Dienstag, nachmittags um kurz nach halb vier, sind sie von der Schule, einem idyllisch gelegenen privaten Internats-gymnasium im oberhessischen Echzell, zu einer Spritztour ins kaum eine Viertelstunde entfernte Nidda aufgebrochen - sie wollten zum amerikanischen Schnellimbiss im Stadtteil Harb. [...] Wenige Minuten vor vier Uhr steuerte der Polo jedenfalls mit hoher Geschwindigkeit auf die Kreuzung zweier Landstraßen zwischen den Dörfern Rabertshausen und Ulfa zu, stieß dort ungebremst mit einem fünfundzwanzig Tonnen schweren Lastwagen zusammen und wurde von diesem etwa dreißig Meter weit mitgeschleift. Der Fahrer des Polo und drei der Schülerinnen starben noch am Unfallort, zwei Mädchen wurden mit schwersten Verletzungen in die Universitätskliniken von Gießen und Frankfurt am Main geflogen."

Aus einem Leserkommentar: "Die Eltern der vier tödlich Verunglückten und der zwei Schwerverletzten hatten keine Chance etwas ahnend wissen zu können, denn ihre Kinder lebten weit entfernt in einem Internat. Aufsichtsverantwortliche waren andere, zum Beispiel die Leitung des Internats. Da leiht sich ein 19-Jähriger einen Kleinwagen von einer Bekannten, um damit von Friedrichsdorf nach Echzell zu fahren, weil er dort einen Freund besuchen möchte. Hätte irgendjemand ihm die Autoschlüssel verweigern können? Da lädt der Junge fünf minderjährige Mädchen aus dem Internat ein, mit ihm eine Spritztour ins benachbarte Nidda zu machen. Der kleine Polo ist mit sechs Personen überladen. Niemand hindert ihn daran mit den jungen Frauen das Internat zu verlassen. Und die Fahrt, wie Jochen Hieber richtig bemerkt, nimmt von Beginn an einen unerwarteten Verlauf, die tödlich vor der Front des LKW an der Straße von Ulfa nach Nidda endet. Hätte nicht ein rechtzeitiges Eingreifen einer verantwortlichen Person Schlimmes verhindern können?" Lesen Sie weiter...

Also ich muss schon sagen: Eine solche Frechheit wie dieses Loblied auf einen gewerblichen Anbieter ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. Ich frage mich ernstlich, in welcher grenzwertigen "rabbithole" der/die verantwortliche ZDF-Redakteur(in) sein/ihr journalistisches Selbstverständnis vergraben hat. Da sollte vielleicht mal der Kollege Gernot Hassknecht aus dem "heute-show"-Team...

U. Lange

Zu diesem Beitrag erreichte uns am 23.11.2012 die nachfolgende Gegendarstellung

 

Weitere kritische Informationen:

Hausaufgabenstress: Internate bieten oft nur Scheinlösungen

Private Internatsschulen - Die bessere Alternative?

Spiegel-Forum Uni und Bildung: Teure Abzocke oder Alternative zum öffentlichen Schulsystem?

Die Pisa-Legende

Privatschulen - Chance oder Sargnagel für das Bildungssystem?

Bildungsstudie: Warum Privatschulen schlechter sind als ihr Ruf

OECD-Bericht: Was macht Schulen erfolgreich?

Haben Privatschulen die besseren Lehrer?

Fernsehrichtlinien

Lügen wie gedruckt - Internate in den Medien

Medien: Ein Sumpf von Korruption

Torsten Wahl: Elite mit Gummibärchen

Jochen Senf: Hinter goldenen Gittern

 


 

Mobbing in der Schule Schloss Salem

 

Quelle: http://www.20min.ch/schweiz/news/story/14549963

Horror im Elite-Internat
16. November 2012 21:16; Akt: 16.11.2012 23:46 Print
Er musste den Mitschülern die Füsse massieren
von Andreas Bättig - Mobbing-Skandal im deutschen Elite-Internat Salem: Ein Internatsschüler wurde über eine längere Zeit von mehreren Mitschülern physisch und psychisch gequält.
 
Ein Schüler des Elite-Internats Salem am Bodensee ging die letzten Wochen durch die Hölle. Gemäss Informationen von 20 Minuten Online war der Schüler neu und wurde von zwei anderen Mitschülern zu merkwürdigen Aufnahmeritualen gezwungen. So musste das Opfer seinen Peinigern unter anderem unter Androhung von Schlägen die Füsse massieren oder wurde mitten in der Nacht immer wieder unsanft geweckt. Diese Tortur zog sich offenbar über Wochen hin. Bei allen Beteiligten soll es sich um deutsche Schüler handeln.
[...] Hartmut Ferenschild, Zuständiger für die Öffentlichkeitsarbeit an der Schule, bestätig, dass diese Woche zwei Schüler entsprechend der Null-Toleranz-Strategie der Schule vom Internat verwiesen wurden. «Die beiden Minderjährigen haben einen Mitschüler über einen längeren Zeitraum physisch und psychisch gemobbt.»
[...] Ferenschild sagt, dass es so einen gravierenden Fall in der Geschichte von Salem noch nie gegeben hat. «Wir mussten schon Schüler wegen Alkohol- oder Drogenmissbrauch von der Schule weisen, aber nicht wegen Mobbing.» Ob das Mobbing für die Täter auch rechtliche Folgen hat, sei zurzeit noch offen.
 
 
Kommentar
 
Leugnen und Vertuschen
 
Da kommt mal wieder irgendetwas aus dem Sumpf der Internatssubkultur ans Tageslicht. Und schon beginnt das übliche Spielchen: Kleinreden (angeblich nur ein Einzelfall), Schönreden (bei uns gibt's eine "Null-Tolerenz" gegenüber Mobbing, die Täter wurden von der Schule entfernt), Leugnen und Vertuschen (einen solchen Fall von Mobbing hatten wir ja noch nie... usw.).
 
Man will ja gern glauben, dass sich die Mitarbeiter der Schule Schloss Salem ganz entschieden für ein gutes Schulklima einsetzen und alles tun, um Vorfälle wie den oben beschriebenen zu unterbinden. Für das "größte Internat Deutschlands" mit 600 Belegplätzen ist dies auch lebenswichtig. Aber als Internatsinsider weiß man, dass der Kampf gegen das Mobbing und Bullying, im angelsächsisch geprägten Ausland ist auch der Begriff "Fagging" (Schinden) gebräuchlich, selbst in wesentlich kleineren Einrichtungen ebenso aussichtslos ist wie der Kampf gegen Alkohol, Nikotin und illegale Drogen. Letzteres hat sich gerade erst wieder in der Hermann-Lietz-Schule Schloss Bieberstein auf traurige Weise bestätigt (siehe unten). "Der erfahrene Heimerzieher ist sich klar darüber," schrieb die ehemalige Leiterin des Landerziehungsheims Marienau bereits 1969  ["Der Alltag im Landerziehungsheim". In: G. Fischer (Hrsg.): Alpdruck Schule, München 1969, S. 82], "daß das, was sich im Heimleben abspielt, einem Eisberg vergleichbar ist: Ein Siebentel ist über Wasser sichtbar, das übrige bleibt verborgen, jedenfalls den meisten Erwachsenen."
 
Und dass es in der Schule Schloss Salem noch nie vorher einen gravierenden Fall von Mobbing, Bullying oder Fagging gegeben haben soll... So ein Satz kann wohl nur einem "Zuständigen für Öffentlichkeitsarbeit" einfallen. Ich brauche nur ein wenig im Pressearchiv zu stöbern, und schon stoße ich auf Aussagen wie diese:
 
„Sein oder Schein, das ist die Frage. Ich bin ein Stipendiat, ein 'Stip', wie das entsprechende Schimpfwort heißt. Als Stip bist du das letzte Arschloch. Wie oft ich ans Bett gefesselt worden bin, Bücher auf den Kopf geknallt, alle meine Schulsachen kaputtgemacht. Aber jetzt werde ich in Ruhe gelassen – weil ich mitsaufe. Mit Drogen wollte ich eigentlich nie etwas zu tun haben, aber hier ist das unumgänglich. Wenn jetzt ein Neuer kommt und so gequält wird, da mach ich zwar nicht mit – noch nicht – , aber ich lache. Ich trink mein Bier und lache.“ (Quelle: "Ganz oben". In: Tempo, Heft 9/87, S.43).
 
„In der Verhandlung berichtete die Schülerin W., dass Jungen mindestens zwei- bis dreimal wöchentlich in ihren Mädchentrakt 'eingestiegen' seien. Sie sei in ihrem Internatszimmer auf Schloß Spetzgart von einem Mitschüler beinahe vergewaltigt worden. Es seien Ketten an den Fenstern angebracht worden, was aber nicht viel geholfen habe" (Quelle: Welt am Sonntag vom 21.02.1988, S. 25).
 
"Salem [...] eröffnet einen zweiten Oberstufen-Campus, einen 70-Millionen-Mark-Neubau für weitere, zunächst 96 Schüler, davon 30 Prozent aus dem Ausland. Plötzlich treffen die Kinder von deutschen Adligen, Ärzten und Unternehmern auf eine Gruppe von Russen, Chinesen, Koreanern. Kinder der neuen Wirtschaftseliten, die das Internat dringend braucht, weil die Eltern das Schulgeld von rund 50 000 Mark pro Jahr schon im Voraus zahlen. Zwei Welten treffen aufeinander. Alte Salemer und neue Weltbürger. Baden-Baden meets New York.
[...] Irgendwann vor Weihnachten [...] spitzt sich die Lage zu. Aus Blicken werden nun Giftpfeile, aus Berührungen Rempeleien, Worte wechseln die Flanken wie Kriegserklärungen. Viele Ausländer ziehen sich zurück in ihre Zweibettzimmer, die sie "Sanctuarys" nennen, und finden Worte, die sie inzwischen aus den Medien kennen: 'Soziale Kälte', 'Ausländerfeindlichkeit'. Die deutschen Schüler wiederum schimpfen über die mangelnden Sprachkenntnisse und die unpassende Kleidung und greifen zu Wörtern, die sie aus Wahlkämpfen kennen: 'Integrationsverweigerung', 'Isolierungstendenzen'. Der stellvertretende Stufensprecher spricht gar von 'einer Art Berliner Mauer zwischen den Kulturen'. Manchmal fallen ihre Vergleiche zu drastisch aus, wie vorgefertigt für Reporter. Vielleicht sind es nur die normalen Revierkämpfe, welche an Internaten unerbittliche Formen annehmen können. Dann aber fällt der Satz: "Man sollte euch verbrennen wie Hitler die Juden." Ein Schüler hat ihn gesagt, und er wird von den anderen umgehend zurechtgewiesen. Aber der Satz steht im Raum, und die Betroffenen reagieren darauf: 'Wir werden hier verfolgt wie im Dritten Reich.'
[...] Der jüdische Lehrer James Bloom startet eine Umfrage unter den ausländischen Schülern und erhält niederschmetternde Resultate: 100 Prozent fühlen sich diskriminiert. Die Lehrer sind erschüttert, die Leitung ist entsetzt, Dr. Bueb wird später feststellen: "Wir sind ein gutes Stück davon entfernt, einen internationalen Geist zu verkörpern." (Quelle: DER STERN, Heft 36/2001, S. 60-74
).
 
Alles schon vergessen? Merkwürdig. Denn gerade erst wurde in Pressemeldungen verbreitet, das oben beschriebene "Salem International Colleg", errichtet ausgerechnet auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Überlingen-Aufkirch, werde zum Schuljahr 2013/2014 eine neue Verwendung als "Salem-Akademie" für noch nicht studierfähige Abiturienten erhalten (siehe letzter Beitrag auf dieser Seite). Die "Verkörperung eines internationalen Geistes" scheint also auch zehn Jahre später noch keine großen Fortschritte gemacht zu haben.
Davon abgesehen: Es sind ja nicht nur Extremfälle wie die hier berichteten, die ein Klima der Gewalt, der Demütigung und der Angst, der Ausgrenzung und der Diskriminierung erzeugen können. Die Probleme beginnen bereits bei den (ober)schichtspezifischen Codes einer Schule, die sich allein aufgrund ihrer "höheren Rolexdichte" von den meisten anderen Internatsschulen abhebt. So liest man in dem Bericht einer ehemaligen Schülerin:
 
 
"Ich war schon auf salem und mir hats da 0 gefallen! Weil wenn du da iwas trägst was nicht grad marke ist bist du out und da gibt es auch nur 2 gruppen die coolen und die outen und du kommst sofort in die eine odere andere gruppe ob man dich kennt oder nicht! Und iwie sind da alle so oberflächlich..."
 
Ausgrenzung funktioniert im Übrigen auch ohne irgendwelche seelischen Grausamkeiten, sozusagen auf die "nette Art". So zeigt eine Reportage der ARD (Panorama Bildungsreport Deutschland - Wie Bildung Klassen schafft) die "Salemer Nettiquette" aus der Sicht einer 11-jährigen Stipendiatin:
 
 
Wer sich der Illusion hingibt, diese Dinge seien durch aufmerksame Erwachsene im Internat zu unterbinden, verdrängt schlichtweg die typischen Strukturen und Mechanismen des Internatslebens. Es herrscht das Gesetz des Schweigens. In den Augen der Mitschüler gibt es kein schwereres Vergehen als zu "petzen". Eleven, die die Nähe zu Erwachsenen brauchen und suchen, geraten schnell in die heim- und internatstypische „Beziehungsfalle“, d.h. sie werden aufgerieben zwischen den Loyalitätserwartungen der Erwachsenen und dem Druck der Mitschüler, nichts preiszugeben, was in der Heimlichkeit der Internatssubkulturen vor den „Bezugspersonen“ verborgen bleiben soll. "Man muss schon 'gebaut' sein für ein Internat", schreibt Dagmar von Taube im Rückblick auf ihre Internatsjahre im Landerziehungsheim Louisenlund („Das Geheimnis Internat“ In: Welt am Sonntag vom 04.06.2000, S. 37). "Kinder können gnadenlos sein."

Besonders problematisch sind hier „Helfer“- oder „Schülerpräfekten“-Systeme (siehe Salem), mittels derer Kontroll- funktionen der Erwachsenen (allerdings ohne adäquate Ausstattung der jugendlichen "Amtsträger" mit echter erzieherischer Autorität!) auf Kinder und Jugendliche abgewälzt werden. Dies führt nicht nur zu erheblichen Identitäts- und Loyalitätskonflikten, sondern nicht selten auch zu negativen Entwicklungen des Charakters (Machtmissbrauch, Heuchelei, Fassadenhaftigkeit des Verhaltens). Das gesamte Internatsleben ist, wie sich leicht nachweisen lässt, geprägt von der Maxime des "So-tun-als-ob": Hier die hehren Erziehungsgrundsätze der Erwachsenen und die Regeln der Hausordnung, dort das Eigenleben der Jugend in der den Blicken der Erwachsenen weitestgehend entzogenen Internatssubkultur. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", lehrt uns der Philosoph Adorno, aber offensichtlich viel falsches Leben im richtigen. Allein der von Salems Ex-Leiter Dr. Bernhard Bueb vertretene Grundsatz, in der Internatsschule am Bodensee  "reiche Kinder so zu erziehen, als ob sie nicht reich wären", ist die durch und durch doppelbödige Lebenslüge einer Sonderschule für Besserverdienende, die im Alltag tausendfach unterlaufen wird und nur einen erzieherischen Effekt hat, nämlich Doppeldenk und Doppelmoral.

...
Internate: Tugenden und strenge Erziehung - weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/schule/schule/schulwahl/schulserie/internate/beruehmte-internate_aid_24517.html
"Man durfte alles machen, man durfte sich nur nicht erwischen lassen!" So fasst die Ex-Salemerin Ariane Sommer den erzieherischen Ertrag ihres Internatsaufenthaltes zusammen (Quelle: Talkshow "B. trifft...", WDR Fernsehen, 08.02. 2002, 22:00 Uhr). Übersetzt in einen abgeklärten Pädagogen-Jargon klingt dieses Fazit dann etwa so:
 
"Internatserziehung gelingt nicht automatisch. Pädagogische Regeln allein und auch die professionelle Vermittlung richtiger Werte geben keine Garantie für eine gelingende Erziehung. Entscheidend ist die Eignung und die Bereitschaft der Kinder, die Angebote anzunehmen, die das Internat machen kann."
 
Die Schule Schloss Salem, deren Gründer Kurt Hahn nach der Überzeugung kritischer Biografen manisch depressiv war, trägt George Orwells Neusprech-Begriff "Doppeldenk" (engl. doublethink; in älteren Übersetzungen: Zwiedenken) schon in ihrer "Gründungslogik". Und die immer gleichen Vertuschungs- und Rechtfertigungsversuche gegenüber den Problemen dieser Schule weisen die typischen Kennzeichen der Manipulation aus Orwells Dystopie "1984" auf, denn auch der Salemer "Schulstaat" ist eine Dystopie. Und Salemer Öffentlichkeitsarbeit ist "Neusprech" in Reinkultur. Zitat aus der Definition bei Wikipedia:
 
>> Neusprech [...] beinhaltet die Fähigkeit, in seinem Denken zwei widersprüchliche Überzeugungen aufrecht zu erhalten und beide zu akzeptieren. Das schließt mit ein: Absichtlich Lügen zu erzählen und aufrichtig an sie zu glauben; jede beliebige Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist, und dann, falls es wieder nötig ist, sie aus der Vergessenheit zurückzuholen; so lange wie nötig die Existenz einer objektiven Realität zu leugnen und gleichzeitig die Realität zu akzeptieren, die man verleugnet. <<
 
Ulrich Lange
Lesen Sie hierzu auch:
 
 

Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog

DROGEN, WOHIN DAS AUGE REICHT

Bericht eines Schülers

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich hoffe, dass diese Email dazu beiträgt darauf aufmerksam zu machen, dass das Drogenproblem auf deutschen Internaten noch lang nicht gelöst wurde, sondern nur unter den Teppich gekehrt wird. Ich besuche das Hermann-Lietz-Internat Spiekeroog. Die Schule gilt als Eliteschule der anderen Art, da das "Luxusleben" auf einer Nordseeinsel nun mal nicht das Gleiche ist wie auf anderen Internaten dieser Preisklasse. Wie auf jeder anderen Schule auch, sind illegale Drogen natürlich strengstens verboten, auch außerhalb der Schulzeit. Ein Verstoß dagegen, wird mit einer "Androhung der Entlassung" und einem so genannten "Integrationsvertrag" (ein Vertrag, wo der genaue Regelverstoß vermerkt wird und in dem der Schüler zusichert, nicht wieder gegen diese Regel zu verstoßen. Falls doch, nimmt er den sofortigen Verweis der Schule in Kauf) geahndet wird.
 
Nun ereignete sich einen Tag vor den Sommerferien folgendes: weiter lesen
 
FAQS - FRAGEN UND ANTWORT ZUM THEMA INTERNAT
Schützt das Internat mein Kind vor dem Umgang mit Alkohol, Zigaretten und sonstigen Drogen?

Entsprechend  der geltenden Rechtslage unterbinden die HL-Schulen den Konsum von Alkohol und Zigaretten bei Minderjährigen. Dem nachgewiesenen Besitz und/oder Genuss illegaler Drogen folgt die sofortige Entlassung des betreffenden Schülers. Dazu werden stichprobenartig Alkohol- und Drogentests bei den Kindern und regelmäßige Kontrollgänge zu deren Treffpunkten durchgeführt. Diese Maßnahmen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine hundertprozentige Sicherheit auch an Internatsschulen nicht gibt. Ein solcher Anspruch wäre unrealistisch und würde auch vernünftiges soziales Miteinander an den Schulen unmöglich machen.

Quelle: http://www.lietz-schulen.de/internat-fragen-anworten.html

 
Lesen Sie hierzu auch: 

Kein Drogenproblem?

 

Quelle: Nach Tod von Hermann-Lietz-Schüler auf Bieberstein - "Kein Drogenproblem"

"Wir haben kein Drogenproblem", sagte der Schulleiter während der Pressekonferenz. Klar ist: im Schulvertrag ist verankert - bei Alkohol- und Drogenkonsum droht die sofortige Entlassung aus der Schulgemeinschaft. Und in den vergangenen Jahren seien zwei Schüler positiv getestet und rausgeschmissen worden.

Diese Reaktion war von der Mutter eines ehemaligen Biebersteiners bereits vorhergesehen worden. Sie schrieb uns nach der ersten Meldung über den Fall bei hr-online:

Lieber Herr Lange,

heute ist passiert, was irgendwann passieren musste: Ein 17-jähriger Internatsschüler auf Schloss Bieberstein ist TOT auf dem Außengelände aufgefunden worden. Mir fehlen die Worte! Laut der neusten Äußerungen der Staatsanwaltschaft Fulda ist der Junge  wohl an seinem eigenen Erbrochenen erstickt  - nach einem Cocktail von Alkohol und Drogen. [...] Die Schule wird alles weit von sich weisen! Wird nichts von den Exzessen wissen wollen und das Ganze als traurigen Einzelfall hinstellen!

Es hätte genauso gut MEINEN SOHN treffen können. [...] Ich bin tief geschockt und zittere am ganzen Leib! Mein Sohn wird gleich aus der Schule nach hause kommen ... Dem lieben Gott sei Dank!
 
Beste Grüße
*****
Ähnliche Hinweise gab es auch von anderer Seite. "Osthessen-news.de" schreibt:
 
Immer wieder wurden Gerüchte laut, dass auf dem Internat - rund 15 Kilometer östlich von Fulda - Drogen konsumiert werden. Dem hr-Boulevard-Magazin maintower wurde eine Information von der Mutter eines ehemaligen Schülers zugespielt, in der sogar von einem "Drogensumpf" die Rede ist. Auch auf der facebook-Seite von osthessen-news schreibt ein Leser: "Ist ja nix neues mit den Drogen da oben."
 
Nein, das Alkohol- und Drogenproblem an Internaten ist seit Jahrzehnten bekannt. Bereits in den 1970er Jahren schrieb die ehemalige Leiterin des Landerziehungsheims Marienau, Anneliese Graf-Knoop, in ihrem Buch  "Internate. Aufgaben und Angebote der Heimschul-erziehung" (Tübingen 1977, ISBN 9783780503640):
 
S. 73: "Seit Anfang der 70er Jahre quälen sich auch die Internate mit diesem gravierenden Problem. War der Drogenkonsum zunächst auf ‚harmlose‘ Präparate wie Marihuana und Haschisch beschränkt, so greifen heute auch schon jüngere Schüler zu härteren Stoffen."
 
Die gleiche Autorin räumt in einer anderen Publikation [Anneliese Knoop: Der Alltag im Landerziehungsheim. In: G. Fischer (Hrsg.): Alpdruck Schule, München 1969, S. 82] ein:
 
"Der erfahrene Heimerzieher ist sich klar darüber, daß das, was sich im Heimleben abspielt, einem Eisberg vergleichbar ist: Ein Siebentel ist über Wasser sichtbar, das übrige bleibt verborgen, jedenfalls den meisten Erwachsenen."
 
Wenn "Osthessen-news.de" berichtet, am Dienstagabend hätten Lehrer und Schüler auf einer Faschingsveranstaltung gemeinsam gefeiert, die Veranstaltung sei aber bereits um 21:00 Uhr beendet worden und um 22:30 Uhr sei der junge Mann laut Aussage des diensthabenden Lehrers auf seinem Zimmer gewesen, während eine Mitschülerin den 17-Jährigen zuletzt um 1:30 Uhr (Mittwochmorgen) auf dem Schlossgelände angetroffen habe...usw., dann zeigt dies vor allem, dass es in jedem Internat zwei Welten gibt: Die schöne Fassade der Gemeinschaft von Schülern und Lehrern, wo man fröhlich gemeinsam feiert und früh ins Bett geht, und die Internatssubkultur, in der die Schüler ohne die Lehrer fröhlich weiter feiern, während die Pädagogen - erschöpft von ihrem Rund-um-die-Uhr-Engagement als Lehrer und Erzieher - das müde Haupt in die Kissen betten.
 
Ein Internatsleiter oder Gruppenerzieher, der zu wissen glaubt, was in seinem Verantwortungsbereich tatsächlich abläuft, lebt bewusstseinsmäßig auf einem anderen Planeten. Die Spaßguerilla seiner Schutzbefohlenen kennt keine Gnade. Früher (d.h. mindestens vor gefühlten 50 Jahren) wurde gegen Internatsregeln noch offen rebelliert, traf man in den Internaten wenigstens zum Teil noch auf Kinder und Jugendliche, die bindungs- und damit absprachefähig waren. Heute wird harmlos lächelnd scheinbar alles akzeptiert - und anschließend das Gegenteil praktiziert. Vereinbarungen zwischen Erziehern und zu Erziehenden (Edukanden) haben genau für die Zeitspanne Bestand, die der Schüler braucht, um sich nach einem freundlich-ironischen "Wird gemacht, Chef!" auf dem Absatz herumzudrehen. Dann macht er - selbst nach epischer Standpauke und allen Anzeichen tiefster Zerknirschung  - genau das, was zu unterlassen ihm soeben bei allen Heiligen und Höllenstrafen aufgegeben wurde. Schon die Eltern unterschreiben mit leichter Hand jeden Vertrag. Sie werden sich sowieso an keine der Bestimmungen halten, und im Konfliktfall kommt ein Schreiben vom Rechtsanwalt mit abstrusesten Unterstellungen und Gegenbeschuldigungen. Und der Nachwuchs hat den § 1631 Abs. 2 BGB in vollem Wortlaut bereits mit wasserfestem Filzschreiber auf den Handrücken tätowiert: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Und natürlich ist jedes Nein eines Pädagogen gemein, jeder Versuch eines Erwachsenen, seinen Standpunkt zu vertreten, eine "seelische Verletzung" und eine "entwürdigende Maßnahme". Und genau so steht es dann auch in den Schriftsätzen der Anwaltskanzleien, deren Briefköpfe von assoziierter promovierter Kompetenz geradezu überquellen. Submissive Eltern, die sich ihrem Kind nur in demütig gebückter Haltung zu nähern wagen, werden da zu Samurai der Kinderrechte. Wegen lächerlichster Lappalien wird bis nach Karlsruhe prozessiert. Und aggressiv wird genau das (eigene) defizitäre Erziehungsverhalten als "geschuldete Leistung des Internats" eingefordert, dem das Kind seine Persönlichkeitsstörungen zu verdanken hat.  
 
Aus dem Edukanden ist längst der Edu-Kunde geworden. "Der Schüler als Kunde - Die Bildungsindustrie entdeckt ihre Chancen" beschreibt Oliver Trenkamp die Situation sehr kritisch in Financial Times Deutschland. "Unterricht à la carte - Wo Schüler zum hofierten Kunden werden" jubelt naiv dagegen Miriam Zerbel in der WELT. "Ein Internat ist eine Alternative, wie Kinder ihre Schulzeit verbringen können", wird da der Leiter eines Landerziehungsheims aus Bayern zitiert. "Es ist eine sehr persönliche Entscheidung, die insbesondere in der Pubertät helfen kann, den Familienfrieden zu erhalten. Das zuvor möglicherweise leidige Thema Schule wird einfach ausgelagert."
 
Genau, weil nämlich mit dem leidigen Thema Schule gleich das leidige Kind "einfach ausgelagert" wurde, gleichbedeutend mit dem leidigen Thema Erziehung, die in der betreffenden Familie allerdings zumeist ohnehin notleidend war. Und da sitzen sie dann, die "Eliteschüler" ohne Erziehung und ohne eine Organisation ihres orbifrontalen Cortex, die es ihnen ermöglichte, die Wertvorstellungen ihrer Bezugspersonen zu verinnerlichen, eine Gewissensinstanz aufzubauen, loyale Beziehungen jenseits der mafiösen Kumpanei einzugehen und nach einer anderen Maxime zu (ver)handeln als dem inzwischen sattsam bekannten "Ich - alles - sofort".  Und sie werden betreut von dem Typus des betulichen Gutmenschen, dem beherztes erzieherisches Handeln - so dieses überhaupt in seinem Horizont läge - von keiner Seite zugestanden wird, weder von den Eltern noch von der ihm übergeordenten Internatsleitung, die um die "Kundenzufriedenheit" bangt, oder von der sog. "Heimaufsicht" (in Hessen eine reine Karnevalistentruppe, die angesichts der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule oder zahlreichen anderen Heimeinrichtungen untätig blieb und das Sportinternat in Bad Sooden-Allendorf dreißig Jahre ohne Betriebserlaubnis vor sich hin wurschteln ließ!).
 
„Als Leiter eines Internats“, klagte der ehemalige Leiter der Schule Schloss Salem, Dr. Bernhard Bueb, in seiner 2006 erschienenen Streitschrift „Lob der Disziplin“, „konnte ich über Jahrzehnte beobachten, dass Eltern aus dem Ausland, wie etwa aus Frankreich, England oder China, von einem Internat erwarteten, dass ihr Kind eine gute Erziehung genießt. Es sollte sich auch wohl fühlen; wenn es das nicht tat, dann war das bedauerlich, aber nicht zu ändern. Deutsche Eltern wollen natürlich auch eine gute Erziehung, aber vor allem soll sich das Kind wohl fühlen. Strenge Maßnahmen werden nur so lange akzeptiert, wie sie das Wohlgefühl des Kindes nicht stören. Deutsche Eltern geben schneller dem Drängen des Kindes nach, das Internat verlassen zu dürfen, wenn ihm zu viel Disziplin abverlangt wird.“
 
Und weil das so ist, gibt es im Internat eine verhängnisvolle Kumpanei zwischen erziehungsunfähigen Erziehern und erziehungsresistenten Edukanden. Man hat ein gemeinsames Interesse, dass die tatsächlichen Zustände im Internat nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen. Es gilt das Gesetz des Schweigens, das alle Beteiligten - bis auf ein paar "Whistleblower" - total verinnerlichen, oft viele Jahre über die aktive Internatszeit hinaus: Lässt Du mich in Ruhe, lass ich Dich in Ruhe. Lässt Du mich gut aussehen, lass ich dich gut aussehen. So bleibt der "gute Ruf" des Internats gewahrt und jeder hat weiterhin seinen Spaß. Nur deshalb konnte der inflationäre sexuelle Missbrauch an zahlreichen "Elite-Internaten" über Jahrzehnte ungestört stattfinden (und findet unter Garantie auch noch weiterhin statt) und nur deshalb funktioniert die Täuschung der potenziellen Kundschaft durch die Lachnummer mit den Verboten von und Maßnahmen gegen den Alkohol- und Drogenkonsum in Internaten - ungeachtet des einen oder anderen Drogentoten als Kollateralschaden - auch in Zukunft "wie geschmiert". Kindermund tut Wahrheit kund. So berichtet ein Leserbriefschreiber in der ZEIT nach einem Wochenendbesuch bei Freunden im berühmten Landerziehungsheim Schule Schloss Salem:
 
"Ich denke aber auch der Artikel zeichnet ein z.T. falsches Bild der Schule, denn so prüde und asketisch lebt es sich auf dem Internat auch nicht. Es gibt zwar strikte Regeln, aber diese können, vor allem durch den unglaublich guten Zusammmenhalt der Schüler, umgangen werden. Und ich unterstelle der Schulleitung einfach mal, dass dies sogar gewollt wird."
 
Ulrich Lange
 
Lesen Sie hierzu auch:
 
Eliteinternate - Anspruch und Wirklichkeit
 
Peter Giersiepen: Internatsberatungen und das Problem von Anspruch und Wirklichkeit
 
FOCUS-online: Extreme Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit
 
Internatsleben: Jeden Abend Party gemacht...
 
Schulerfahrungen - Lebenserfahrungen. Anspruch und Wirklichkeit von Bildung und Erziehung heute. Reformpädagogik auf dem Prüfstand
 
Zwischen Eliteanspruch und Erziehungshilfe - Wie erziehen Internate wirklich?
 
Jürgen Oelkers: Schulen der Reformpädagogik ("man erkennt ene riesige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit")
 
Internatserziehung: "Keine einzige Schule der Reformpädagogik hat je den eigenen Ansprüchen genügen können, aber genau dieser Eindruck sollte entstehen und wird bis heute kolportiert." (Jürgen Oelkers)
 

Aktueller Link: http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Schueler-stirbt-Ursache-wohl-Alkohol-und-Drogen-id22743046.html#kommentieren

15.11.2012

Schloss Bieberstein:

Toter Internatsschüler hatte Alkohol und Drogen im Blut

Nach dem Tod eines 17jährigen Schülers in Hofbieber liegt das Obduktionsergebnis vor. Demnach ist er möglicher- weise erstickt und nicht erfroren. Der Jugendliche hatte sowohl Alkohol als auch Drogen konsumiert - und sich übergeben.  Weiterlesen...

Hintergrund:

http://www.lietz-schulen.de/internat-fragen-anworten.html

Schützt das Internat mein Kind vor dem Umgang mit Alkohol, Zigaretten und sonstigen Drogen?

Entsprechend  der geltenden Rechtslage unterbinden die HL-Schulen den Konsum von Alkohol und Zigaretten bei Minderjährigen. Dem nachgewiesenen Besitz und/oder Genuss illegaler Drogen folgt die sofortige Entlassung des betreffenden Schülers. Dazu werden stichprobenartig Alkohol- und Drogentests bei den Kindern und regelmäßige Kontrollgänge zu deren Treffpunkten durchgeführt. Diese Maßnahmen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine hundertprozentige Sicherheit auch an Internatsschulen nicht gibt. Ein solcher Anspruch wäre unrealistisch und würde auch vernünftiges soziales Miteinander an den Schulen unmöglich machen.

Lesen Sie hierzu auch:

Bekommen die Internate das Drogenproblem durch schärfere Kontrollen in den Griff? (Dokumentation)

Berühmte Internate: Tugenden und strenge Erziehung

Saufgelage mit dem Lehrer

Luxus-Drogenkonsum? Rapper Bushido vs. Ex-Salem-Leiter Dr. Bernhard Bueb

Internate und Drogenkonsum

Drogen als legal getarnt

Harte Drogen im Internat

Interview: Haben Internate das Drogenproblem jetzt im Griff?

Internate und Drogen

 

http://www.ciao.de/hermann_lietz_schule_de__Test_8376081

Hier ein paar Stichpunkte:
•Schüler, die stark alkoholisiert zum Unterricht erscheinen, so sie denn kommen ("die meisten Herrschaften sind ja schon 18 und da kann man ihnen ja nichts mehr sagen" - O-Ton eines Erziehers)
•relativ häufig werden Schüler wegen Drogen gefeuert (immerhin!)
•den meisten männlichen Abiturienten wurde 2008 bei der Verabschiedung bestätigt, dass sie trotz größter Faulheit irgendwie und gerade noch das Abi geschafft haben. [...]
Da das ganze Umfeld nicht stimmt, nützt es auch nichts, wenn man das Glück und für sein Kind einen erstklassigen und einsatzwilligen Erzieher bzw. Erzieherin hat und einige wirklich gute Lehrer (beides gibt es natürlich auch). Schüler, die interessiert und gut sind, werden hier nicht gefordert. Schlechte Schüler fallen noch tiefer!

http://www.zeit.de/2009/08/C-Privatschule-Internatslehrer/komplettansicht

Volker Kilgus ist es, der darüber wacht, dass alle Regeln eingehalten und alle Strafen verbüßt werden. [...] Der Internatsvater erlebt die Kinder als Lehrer und Betreuer. Vormittags gibt er ihnen Noten, abends schauen sie zusammen Tatort. [...]. Volker Kilgus überzeugte die Schulleiterin auch durch seinen schillernden Lebenslauf – Bevor er ins Internat kam, war er Lokaljournalist, leitete ein Pressebüro, gründete eine Eventagentur, arbeitete im Autohaus. Nach Ausbildungen zum Systemcoach und als Mediator zog es ihn doch wieder in die Klassenzimmer. [...] Volker Kilgus kam als alleinerziehender Vater. Inzwischen geht sein Sohn Paul auf die benachbarte Lietz-Schule Schloss Bieberstein, um dort Abitur zu machen. Seltsam sei das gewesen, plötzlich das eigene Kind aufs Internat zu schicken, sagt Volker Kilgus. Vor Kurzem hatte Paul Geburtstag, er wurde 17. Für Kilgus Anlass genug, ein paar Flaschen Sekt und Zigaretten nach Bieberstein zu schmuggeln. Auf Schloss Hohenwehrda sollte das natürlich niemand wissen. Die strengen Internatsregeln gehen Kilgus manchmal fast zu weit. »Wenn ich mir überlege, was ich in dem Alter angestellt habe, finde ich die Kinder hier eher harmlos«, sagt er.

http://www.fr-online.de/missbrauch/schloss-bieberstein-missbrauchsverdacht-gegen-elite-schule,1477336,2753870.html

01. April 2010
Schloss Bieberstein Missbrauchsverdacht gegen Elite-Schule
Nach der Odenwaldschule sieht sich jetzt ein zweites Elite-Internat in Hessen mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert: In der Hermann-Lietz-Schule in Schloss Bieberstein soll ein Internats-Mitarbeiter Alkohol an Schülerinnen verkauft haben, um sie gefügig zu machen und dann zu missbrauchen. Namentlich beschuldigt wurden den Angaben zufolge insgesamt drei Personen, zwei davon sind bereits gestorben. "Diese Vorwürfe schockieren mich schon etwas", sagte Schulleiter Helmut Liersch der Nach- richtenagentur dpa.

http://www.fuldaerzeitung.de/nachrichten/huenfeld/Huenfeld-Internat-Hohenwehrda-Lehrer-wird-nicht-rehabilitiert;art17,389081

Internat Hohenwehrda: Lehrer wird nicht rehabilitiert
Wehrda. Das reformpädagogische Internat Schloss Hohenwehrda möchte einen entlassenen Lehrer nicht rehabilitieren. In den achtziger Jahren hatte er einem Kollegen sexuellen Missbrauch vorgeworfen. Er war anschließend wegen Ruf- schädigung entlassen worden. Nach hr-info Recherchen gibt es inzwischen jedoch Hinweise, dass seine Vorwürfe zutreffend waren.
 

 
 
Salem International College gescheitert

 

Ein neues Projekt soll die „Leuchtturm“-Qualität der Schule Schloss Salem untermauern... Ach, tatsächlich? Weltmeister im Schönreden von Krisen waren die Landerziehungsheime und insbesondere die Schule Schloss Salem schon immer. Worum geht es? Die Schule Schloss Salem hat sich überdehnt. Jetzt wird zurückgerudert. Das Salem International College, unter großem Mediengetöse im Jahr 2000 feierlich eröffnet (die Festrede hielt damals kein Geringerer als Bundespräsident Johannes Rau), verschwindet nach nur 12-jähriger Betriebszeit in der Versenkung. Die Salemer Oberstufe wandert zurück nach Spetzgart, wo sie bereits vor dem Campus-Neubau war. Der vakant werdende "Campus Härlen" braucht eine neue Nutzung: Die "Salem Akademie".

Damit muss nun bereits zum zweiten Mal eine neue Verwendung für den „Elite-Campus“ (alias Salem International College) am Bodensee gefunden werden. Nach dem erbitterten Streit mit dem Schulpatron Max von Baden (1986) über den Verfall der Disziplin in der Salemer Mittelstufe (der Adelsmann: "Schlimme Trinkerei!") hatte man sich auf den Auszug aus den Salemer Klostermauern vorbereitet und auf dem Gelände des ehemaligen KZs Überlingen-Aufkirch (die hierdurch möglicherweise inspirierte Baubeschreibung spricht kongenial von „flankierenden Rampen“ und verdichtet die Schülerwohnhäuser mit ihren "Tonnendächern" fast so charmant wie einst die Wohnbaracken in Dachau und anderswo) neue Mittelstufenquartiere gebaut. Als der Mietvertrag im prestigeträchtigen Schloss Salem dann doch noch verlängert wurde, hatte man plötzlich ein Internat zu viel und zauberte das "Salem International College" aus dem Hut. Zusammen mit den drei übrigen Zweigschulen entstand ein organisationspsychologisch und sozialpädagogisch kaum noch vertretbarer Internatsmolloch mit 600 Belegplätzen.

Das "Pädago-Polis am Bodensee" und "in Deutschland einmalige Modell für eine internationale Bildung" (Projektbeschreibung auf der Expo 2000 in Hannover) hat wohl nicht funktioniert. 30 Betten seien in Salem zum neuen Schuljahr unbesetzt geblieben, konnte man in diversen Blättern lesen. Ein Grund zur Panik? Da muss man sich die 270 Campus-Betten im Salem International College vielleicht schon mal prophylaktisch hinzudenken. Die sollen ab dem Studienjahr 2013/2914 - rein zufällig eröffnet zum selben Zeitpunkt in Freiburg das erste deutsche United World College, also praktisch ein Zwilling des eingestellten Salem International College mit 200 Plätzen für Schüler(innen) der Klassen 11 und 12 - nun mit "Studierenden" einer frisch, fromm, fröhlich und frei kreierten "Salem Akademie" gefüllt werden. Hierbei soll es sich nach den Vorstellungen der Initiatoren um Abiturienten handeln, die sich trotz Hochschulreife noch nicht reif für die Hochschule fühlen und bei der Wahl des Studienfaches noch orientierungslos sind. Diese würden dann, wenn die Salem Akademie tatsächlich in Betrieb geht,  während eines in Trimester gegliederten Vorbereitungsjahres für die Massenuniversität "gepimpt". 

Allerdings ist die Skepsie der Fachleute groß. An verschiedenen Hochschulen hat man bereits wesentlich qualifiziertere Modelle einer dem eigentlichen Fachstudium vorgeschalteten Orientierungsphase entwickelt. Seit dem Wintersemester 2010/2011 bietet zum Beispiel die TU München Abiturienten die Möglichkeit, - betreut in kleinen Gruppen - vor Aufnahme eines Bachelor-Studiengangs  ein einjähriges grundlagenorientiertes Studium, das "studium naturale", aufzunehmen. Mit diesem in den universitären Lehrbetrieb voll eingebundenen Modell sind eine Reihe von Vorteilen verbunden, die die Salemer Privatakademie nie bieten könnte, nämlich die direkte Zulassung zum Eignungsfeststellungsverfahren, die Anrechnung erbrachter Leistungen, die Entzerrung eines anschließenden Bachelorstudiengangs (gewonnene Zeit nutzbar für Auslandsaufenthalte und Praktika) und die Möglichkeit zur Studienzeitverkürzung eines anschließenden Bachelorstudiengangs. Aloys Krieg, Prorektor für Lehre an der Technischen Hochschule Aachen, hält laut FAZ zudem das vorab mit 20.000 Euro kalkulierte Salemer Angebot für zu teuer und damit für „gesellschaftlich nicht vertretbar“. Ihm schwebe eher ein zusätzliches Hochschuljahr vor dem eigentlichen Studienbeginn vor, das Abiturienten nutzen könnten, um ihre fachlichen Defizite aufzuarbeiten und ihre fachliche Eignung selbst zu prüfen. Nach der Notgeburt "International Salem College" könnte die "Salem Akademie" also mangels Attraktivität zur Totgeburt werden.

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